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Moin Herb,

ich denke Du bist sehr nahe an der wahrscheinlichsten Gesellschaftsform der Zukunft dran. Informationsgesellschaft ist ja ein recht abstrakter Begriff den ich in der Überschrift angenommen habe und ich hoffe den KErn damit wenigstens zu streifen. Auf der Homepage habe ich dazu vor Jahren Mal einen Artikel verfasst der die Aspekte ebenfalls beleuchte und den ich hier als weiteres Denkfutter mit zum Besten gebe. Natürlich wil ich damit nicht unterstellen das der Artikel unbekannt ist, aber er paßt hier gut rein…

Die Gesellschaft des Jahres 3030 AD zeichnet ein fremdes und unheilvolles Bild von der menschlichen Existenz. Amok gelaufene biotechnologische Experimente, durch den Cyberspace marodierende AIs, die Neuentwicklung von Stadtstaaten inmitten der interstellaren Bündnisse und aus den unbekannten Weiten des Universums auftauchende und vermehrt feindliche Fremdrassen schaffen eine Aura der unterschwelligen Angst in der Bevölkerung, die sich in verzweifelter Resignation ob der Realität und in gewaltvollen offenen Aufständen der minderbemittelten Masse äußert.

Polizeistaaten sind vorherrschend, ein Zeugnis politischer Unfähigkeit. Aberglaube herrscht über technologische Errungenschaften. Der Glaube an höhere Wesen, die Götter, gewinnt wieder an Einfluss. Die Mehrheit der Menschen verkriecht sich im Untergrund, ist Teil einer geistlichen oder politischen Bewegung, gehört einer militärischen Einheit an oder zieht mit rebellierenden Nomadenpacks umher, die das Land fernab der Zivilisation bewohnen.

Unter dem Mantel der Einigkeit und politischen Korrektheit brodelt ein Feuer, dessen Nahrung die Erblast einer längst überwundenen Unterdrückung der gesamten Menschheit durch eine feindliche Fremdrasse, die Morlorn, ist und deren Narben sie noch heute im Antlitz ihrer Existenz trägt.

Es ist ein Feuer der Furcht vor dem unbekannten Bösen unter den Sternen, der Erscheinung einer Prophezeiung, deren Inhalte in jeder bekannten Religion erwähnt werden, deren Ursprung selbst den seit Jahrtausenden etablierten nicht menschlichen Zivilisationen ein Rätsel ist und deren ultimative Aussage die Vernichtung allen zivilisierten Lebens ist.

Es ist ein Feuer der Ruhelosigkeit, denn der Mensch ist nach dem Verlust seiner Wiege, der Erde, ein rastloses Volk geworden, ständig und unter allen Umständen jederzeit bereit sich seinen Platz im Universum zu schaffen, um eines Tages wieder zurückkehren zu können an den Ort, der ihn einst geschaffen hatte.

Es ist ein Feuer der Verbissenheit, ob des Kampfes der noch immer tobt im Sol System, dessen dritter Planet von den Morlorn verbrannt, ausgebeutet und terraformiert wurde, dessen Atmosphären jetzt dem Menschen gegenüber so feindlich ist, wie sie es nur sein kann und dessen Eroberer ihn noch immer mit ihrer machtvollen Kriegsmaschinerie besetzen. Hartnäckig und seit vierhundert Jahren mit unverminderter Macht.

Es ist ein Feuer der Hoffnung in den Herzen derer, die sich nicht von der überall umgreifenden Resignation leiten lassen, sondern auf eigene Initiative den Kampf gegen das Unheil dieser Tage aufgenommen haben und im Untergrund, auf der Schneide zwischen Legalität und Verbrechen oder in den höchsten Positionen politischer, wirtschaftlicher oder moralischer Macht Seite an Seite mit Gleichgesinnten versuchen ein besseres Leben zu leben.

Es ist die hässliche Fratze einer Cyberpunk-Vision, die die Gesellschaft auf die Gesichter der Menschen zeichnet, deren Sprung zu den Sternen nicht die allgegenwärtige Präsenz eines „high tech, low life“-Lebensstandards und die Müllhalden der elitären Wohlstandsgesellschaft hatte abstreifen können.

Es ist unsere Zukunft, die sich vor Schmerzen krümmend vor unseren Füßen ausbreitet und mit jedem zuckenden Atemzug darum bettelt durch Gerechtigkeit und Frieden von ihren Qualen erlöst zu werden. Ist dies unsere Zukunft?

Es ist auch eine Zeit voller technischer Wunder, voller faszinierender Kulturen und voller Chancen. Doch scheint es, das niemand diese so richtig wahrzunehmen vermag.

Und auf der Folgeseite setzte ich damals mutig fort:

RiftRoamers ist thematisch näher mit Gibson und Stephenson verbunden als mit Rodenberrys Star Trek oder George Lukas‘ Star Wars. Meine Vision der Zukunft geht sehr in Richtung High Tech / Low Life. Angesichts der Vorgänge in der Realität erscheint es mir unmöglich an ein Star Trek Utopia zu glauben, wo jeder seinen Platz in der Gesellschaft und sein Auskommen hat.

Um das Universum von RiftRoamers zu verstehen und das rechte Gefühl für den Alltag darin zu erhalten, mögen die folgenden Extrapolationen helfen:

    1. Die Kluft zwischen Armut und Reichtum wird größer.
    2. Die Anzahl der Menschen in Armut wächst.
    3. Konzerne bekommen immer mehr, Gewerkschaften weniger Macht.
    4. Das Geschäft ist gnadenlos, gerade im Lebensmittelgeschäft.
    5. Die Umweltverschmutzung läßt sich nicht mehr aufhalten.
    6. Terrorismus und Verbrechen wird immer extremer in den Maßnahmen.
    7. Der normale Mensch wird auf ehrlichem Wege niemals reich (Ausnahme: Lotterie).
    8. Arbeitnehmer arbeiten sich arm, das Einkommen reicht trotz mehrerer Jobs nicht.
    9. Soziale Altersversorgung und Renten werden auf unzureichende Bezüge gestutzt.
    10. Höhere Bildung wird immer teurer. Die Zahl der Arbeitslosen steigt.
    11. Auch arme Leute wollen High-Tech-Produkte, die Verbrechensbereitschaft steigt.
    12. Teile der Menschheit machen jede noch so schräge Entwicklung der Wissenschft mit.

Die Zukunft unterscheidet sich nicht nur in der Art wie Menschen von einem Ort zum anderen gelangen, oder die Form der Waffen die sie tragen. Es werden sich nahezu alle Aspekte des Lebens verändern. Partnerschaft, Erziehung, Wohnen, Mode, Medizin, Sprache, Mimik, Gestik, selbst der Metabolismus wird sich anpassen an die veränderte Umwelt. Weiterhin wird sich das Arbeiten und die Fortbewegung ändern, die Kommunikationsmedien, die Wahrnehmung der Umwelt, Mutationen der Haut (zumeist in Form von Krebsgeschwüren und Hautschäden) oder solche aufgrund von geringer oder hoher Schwerkraft auf anderen Planeten. In diese Katergorie gehören auch genetische Veränderungen des Körpers zur Anpassung an fremde Biospähren.

Ein Rollenspiel kann aus Gründen der Spielbarkeit nicht so weit gehen wie unsere Gesellschaft es vielleicht kann. Dieses Spiel würde niemand mehr nachvollziehen können oder wollen, wenn jede mögliche Veränderung der Gesellschaft in den Hauptplot aufgenommen würde.

Der normale Mensch läßt sich wie folgt charakterisieren: Er träumt vom Reichtum und einem eigenen Fahrzeug, lebt in einer winzigen Wohnung in einem anonymen und riesigen Appartementhochhaus am Rande der City. Er arbeitet für zu wenig Geld in mehr als einem Job und leistet sich im Alltag nur das nötigste um am Wochenende ein kleines bischen erleben zu können. Er ernährt sich von größtenteils synthetischer Nahrung und trägt billige Kleidung. Für besondere Anlässe hält er hochwertigere Kleidung bereit. Er hat Abitur, konnte sich aber kein Studium leisten. Ein Konzern hat dieses für Ihn finanziert und daher arbeitet er noch die folgenden 20 Jahre in diesem Konzern. Der Konzern vermietet ihm die Wohnung und bietet ihm einmal pro Jahr ein Erholungswochenende im Konzerneigenen Erholungsheim.

Auf der anderen Seite befinden sich diejenigen, die außerhalb des Konzerns und seines Einflußbereiches (Tochterfirmen, Zulieferer, Businesspartner, etc.) ihr Leben fristen. Sie sind ausgeschlossen von den Vorteilen des Konzernlebens, aber auch nicht von dessen Nachteilen betroffen, speziell die Kontrollen der meisten Aspekte des Privatlebens (gläserner Bürger).

Ich möchte dazu ergänzen das die beschriebenen Extrapolationen auf deutliche Teile der Gesellschaft zutreffen werden, jedoch nicht für jeden Bürger gelten. Es stellt viel mehr die öffentliche Wahrnehmung eines betroffenen Ottonormalverbrauchers dar. Auch ist dies eher eine Gesellschaft wie sie auf stark bevölkerten und infrastrukturell gut erschlossenen Weltgen bestehen wird. Wir können also annehmen das Regierungswelten, Kernwelten und wahrscheinlich auch Provinzwelten eine genügende Infrastruktur aufweisen diese Gesellschaftsform zu unterstützen. Randwelten und Außenwelten hingegen sind Welten mit limitierten eigenen Kapazitäten. Dort ist zudem körperliche Arbeitskraft gängig und nicht teuer.