• Dieses Thema ist leer.
Ansicht von 6 Beiträgen - 1 bis 6 (von insgesamt 6)
  • Autor
    Beiträge
  • #2296
    Fred_Krug
    Mitglied

    Wars just happen, don’t they? And it’s always ‚bout encounters …
    Unbekannter Autor

    Encounter Wars ist eine Sammlung von Berichten, Erzählungen und Vermutungen zu den vielen Konflikten, die die Menschheit lange Zeit nach ihren ersten Schritten in der Milchstraße begleitet haben.

    Copyright and all related rights about RiftRoamers belong to Mirco Adam. Thank you, mate, for allowing me the use of this and related terms for the purposes of this tell tale project.

    Copyright an den Kurzgeschichten belong to Clem Carlos Schermann, author of those.

    Die CC Lizenzbestimmungen sind mit sofortiger Wirkung aufgehoben; dies erstreckt sich selbstredend nicht auf bisher genutzte Publikationen.

    Alle Namen und Bezeichnungen für Firmen und Organisationen in den hier veröffentlichen Dokumenten sind zufällig, fiktiv und ohne Bezug zu lebenden oder bekannten Persönlichkeiten.

    #2435
    Fred_Krug
    Mitglied

    Das Licht der Sonne bricht sich in rotorangenen Farben in der Atmosphäre des Gasriesen und färbt die Wohnheiten der im Orbit des Gasriesen schwebenden Basis melancholisch ein. Sie liegen teilweise im Schatten der im Verhältnis zu der Station riesigen Radar- und Funkstation, die den Kontakt zu den Rift-Relays und damit zur Sektor Kontrolle der FSA, der Four Sector Alliance, aufrechterhält.
    Wie Bienenwaben sind die Wohneinheiten in zahlreichen kleinen Gruppen aus vier bis acht Wohncontainern in mehreren Etagen übereinander angeordnet. Ein kleiner, ungleichmäßig geformter Mond ist das Skelett, das von ihnen ringförmig umgeben oder in künstlich angelegten Höhlen ausgefüllt wird, um genügend Platz für etwa Zehntausend Bewohner und alle notwendigen Grundversorgungsmodule zu bieten. Über halb durchscheinende, bläuliche Fibroplaströhren sind sie miteinander horizontal und vertikal verbunden. Mehrere zentrale Hauptröhren führen von diesen Wohnblöcken zu den dezentralen Kontrolleinrichtungen für die Grundversorgung sowie zu der am Rand aufgerichteten Hauptstation unterhalb der Radar- und Funkanlage, die zudem für sich genommen zusammen mit den Andockstationen für Raumschiffe in einem einzelnen Dorn aus der Basis weit herausragt.
    Durch diese Röhren, die ihrerseits mit untergeordneten und parallel verlaufenden Fußgänger- und Infrastrukturleitungen ein feines Logistiknetz bilden, dienen automatisierte Monomagnetbahnen zur allgemeinen Beförderung. Nur wenige Angestellte sind von dem Konzern Interstellar-Metalle mit eigenen Repulsorfahrzeugen ausgestattet, um den Energiebedarf einerseits und die Emissionen andererseits so gering wie nur möglich zu halten.
    Mit einem unverkennbaren Summen hält ein neutral gehaltenes Repulsorfahrzeug vor der Wohnheit CE-36 in einem äußeren Ring. Nachdem die Flügeltüren des Fahrzeugs drehend und leise zischend geöffnet worden sind, steigen zwei menschliche Personen aus. Sie tragen schlichte und funktionelle Anzüge. Für jeden von ihnen ist ein einfaches Namensschild mit dem Firmenlogo und ihrem jeweiligen Namen seitlich an den Ärmeln unterhalb der Schulter aufgenäht. Darunter steht die Bezeichnung ihrer Abteilung: Interstellarer Menschheitstraum.

    Als sich Interstellar-Metalle 2863 eigenständig auf den interstellaren Warenverkehr weiterentwickelt hatte und für sich nicht nur den Handel, sondern auch die Erschließung, Förderung und Verarbeitung von Mineralen und Erzen im interstellaren Raum entdeckt hatte, wurde nach den ersten schweren Rückschlägen und nach zahlreicher Kritik an tragischen Unfällen die Abteilung Interstellarer Menschheitstraum gegründet. Die Angestellten dieser Abteilung wurden beauftragt, Angehörigen verschollener Mitarbeiter das Bedauern und Beileid des Konzerns mitzuteilen. Seit es die Abteilung gibt, wurde nie wieder ein verschollener Mitarbeiter gesichtet. Es war bei den lebensfeindlichen Bedingungen des Weltraums klar, dass verschollene Mitarbeiter auch verstorbene waren. Die Räume sind für umfangreiche Suchen zu riesig; zu viele Gefahren sind sogar für die erfahreneren Völker des Orion-Arms noch immer unbekannt; und schließlich werden nahezu alle Projekte im Weltraum mit einem sehr knappen Budget geplant.

    Andreji Kiriliow und Matsuke Beniko sind bereits eingespielt. Langsam nähern sie sich der Tür, was ein automatisches Signal innerhalb der Wohneinheit auslöst. Sie warten nur kurz und straffen dabei ihre Anzüge. Beniko hält ein in ein anspruchsvoll gefaltetes dunkelgraues Papier gewickeltes kleines Geschenk in ihren Händen. Die Tür zu dem Appartement öffnet sich mit einem leisen Wusch, und ein mittelgroßer, charismatischer Mann wirft ihnen mit dem Licht der Wohnung im Rücken einen langen und dunklen Schatten entgegen. “Ja, Bitte?” Seine Stimme ist hell und klingt angenehm neutral.
    “Hr. Rumbanza Kumbeki?” Beniko spricht mit klarer, förmlicher Stimme.
    “Ja?”
    “Interstellar-Minerale teilt ihnen das tiefe Bedauern mit, dass wir seit …”
    “Bedauern? Was …?”
    ” … über 36 Stunden keinen Funkkontakt mehr zu …”
    “Bedauern? Funkkontakt?”
    ” … zu den Minenarbeitern des Fördermoduls Delphi Drei haben. Alle Versuche, mit dem Modul in Kontakt zu treten oder es anzupeilen und ausfindig zu machen …”
    “Was ist los? Fördermodul? Peilen?”
    ” … schlugen bis jetzt fehl. Entsprechend der Konzernvereinbarungen und des Zusatzprotokolls vom 30. Mai 2947 müssen wir ihnen leider mitteilen, …”
    “Sprechen sie mit mir wie mit einem Menschen! Was ist denn los?”
    ” … dass die Belegschaft auf dem Fördermodul verschollen ist. Ihre Frau ist Teil dieser Besatzung, Sir.” Beniko beendet ihren Satz bestimmt und hält dem entsetzten Blick von Rumbanza stand. Seine Lippen beben, so dass das Weiß seiner Zähne gelegentlich gespenstisch aufblitzt. Sachte schiebt sie ihm das Geschenk entgegen und deutet mit einem kurzen Blick nach unten darauf. Zögernd greift er danach. Als er es in Händen hält, lässt Beniko umgehend los. Andreji spricht leise: “Es tut uns Leid, Herr Kumbeki. Interstellar-Minerale freut sich mit ihnen, dass ihre Frau Teil des interstellaren Menschheitstraums geworden ist.”
    Die Worte schlagen bei dem Mann wie Kometen ein und lassen ihn für einen Augenblick nichts wahrnehmen; alles wird kurz weiß und konturlos. Als sich das Flackern in seinen Augen etwas auflöst, sieht er, wie die zwei Menschen in ein Repulsorfahrzeug einsteigen. Ohne ihn ein letztes Mal anzusehen, schließen sie die Flügeltüren, und sie schweben in dem Fahrzeug surrend durch die Röhre davon.

    Das Licht in dem Raum ist gedimmt. Über das 3-D Holo werden passend zu der abgespielten dumpfen und vibrierenden Musik bizarre Muster in den Raum projiziert, die durch ihre unterschiedlichen Farben dem Zimmer etwas mysteriöses und gespenstisches geben. Über einem runden Tisch ruht der gebeugte Körper von Rubanza. In einer Hand liegt ein Streifen für Pillen, der leer ausgedrückt ist; die andere Hand lehnt reglos an einem umgestoßenen Glas, dessen Inhalt sich über den Tisch ergossen hat. Auf dem Pillen-Streifen steht Dripin 4.000, der Name eines Beruhigungsmittels.
    Dann zuckt die Hand mit dem Streifen etwas. Langsam, leicht bebend richtet sich Rubanza auf. Mit glasigen Augen sieht er sich um. Nur langsam begreift er, wo er sich befindet. Dann bleiben seine Augen nf einem kleinen Objekt neben ihm auf der Sitzbank hängen. Rätselhaft unbestimmt betrachtet er es über mehrere Minuten. Dann greift er langsam danach. Mit den Fingern tastet er das elegante und teure Papier ab. Er schüttelt das Objekt und befühlt es. Trotz der kleinen Größe vermittelt es ein solides und schweres Gefühl in der Hand.
    Schließlich findet er eine geeignete Stelle am Papier, um es zu zerreißen. Nach nur wenigen Griffen befreit er den kleinen Gegenstand. Aus einem schwarzen, kunstvoll gegossenen Sockel mit einer goldfarbenen Plakette ragt ein einfaches, glasklares Prisma, in welches mit einem Laser das Firmenlogo von Interstellar-Minerale eingraviert worden ist – ein I und dahinter ein M. Auf der goldenen Plakette ist der Name seiner Frau eingeprägt: Sandra Kumbeki – in Erfüllung des interstellaren Menschheitstraums.
    Sanft tastet er mit seinen Fingern über das kleine Schild. Sein Blick verfolgt die feinen Linien der Einprägung des Namens. Dabei werden seine Augen gläsern, bis sich die erste Träne löst und über die Wange rollt. Stoßartig schnauft er vor Kummer und hält nun fester an dem kleinen Monolithen fest. Dabei schaut er unruhig um sich, und seine Augen haften nun an einem Laufbildspieler, als es Sandra und ihn lachend beim Picknicken zeigt. Das Bild wechselt, und er sieht sie, wie sie glücklich in ein elegantes Kostüm gekleidet die Ernennungsurkunde für ihre Anstellung bei Interstellar-Minerale hochhält. Wieder wechselt das Bild und zeigt ihr Profil gegen die aufgehende Sonne auf New Sidney.
    Mit einem wütenden Aufschrei springt Rubanza auf und schleudert das Geschenk durch den Wohnbereich. es durchschlägt die Holo-Projektion, die auf diese Irritation verspielt mit Blasen und Komplementärfarben reagiert. Durch diese Reaktionen und die Betäubung seiner Sinne und Gefühlswelt gerät Rubanza immer stärker in Rage und schlägt wild um sich.

    „Aufwachen!“
    Qualvolle Schmerzen und Betäubung lähmen jede Regung und Bereitschaft, auf die fern klingende und forsche Stimme zu reagieren.
    „Aufwachen!“
    Alles um ihn herum ist grau und formlos.
    „Sind sie sicher, Doc, dass ihre Mittel was bringen?“
    „Sicher bin ich sicher. Erwarten sie keine Wunder, Chief. Auch die beste Medizin braucht manchmal etwas Zeit, um sich durchzusetzen. Und sein Körper steht unter starkem Einfluss von …“
    „Jajaja. Schon gut. Kümmern sie sich um ihn? Oder muss ich unbedingt …“
    „Gehen sie! Ich denke, ich habe hier alles im Griff.“
    Die Stimmen sind fremd und gedämpft, und sie sind scheinbar sehr weit entfernt. Als sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben und er etwas wacher geworden ist, sieht er sich in einer kleinen Zelle auf einer Liege. Die Tür zu der Zelle ist geöffnet. Und neben dem Durchgang sitzt auf einem Schemel ein Mann. Er ist von kleiner Statur, hat weiße Haut sowie dunkle Haare und Augen. Er wirkt etwas kräftig, und seine aufgetragene Einheitsuniform für den militärisch-medizinischen Dienst der FSA ist erkennbar zu klein geworden. Rubanza murmelt irritiert und müde: „Wo bin ich?“
    „Herr Kumbeki. Sie sind in der Sicherheits- und Ordnungseinheit für ihren Wohnring. Naja, sie waren eher. Sie sind entlassen. Interstellar-Minerale hat die entstandenen Kosten von ihrer Abfindung beglichen.“
    „Sicherheits- … ? Abfindung … ? Was ist passiert?“
    „Herr Kumbeki. Ich schlage vor, wir besprechen alles, wenn ich sie bei der Räumung von Einheit CE-36 begleite.“
    „Räumung? Ich verstehe nicht … ?“

    #2436
    Fred_Krug
    Mitglied

    Die bläulich schimmernde Radar-Holoprojektion pulsiert langsam und rhythmisch. Die Pulsfrequenz ist mit einem Programm verknüpft, das die Überprüfung des Radarsystems durchführt und die Messergebnisse der Sensoren kontinuierlich abfragt; so wird auf dem Radar das angezeigt, was die Sensoren erfasst haben.
    Sobald die Sensoren innerhalb ihrer Frequenzbereiche und -reichweite etwas erfassen, wird dieses Objekt wahlweise mit der übermittelten Signatur des registrierten Objekts versehen, welches telemetrisch von nahezu jedem künstlichen Objekt im bekannten Weltraum versendet wird, oder mit einer zufällig erstellten, temporären Signatur verknüpft, was bei Schrott, Asteroiden und unbekannten Weltraumobjekten geschieht. Trägt ein Objekt seine Signatur, wird das durch einen außerordentlichen Impuls auf dem Radar abgebildet, und das Radar verfärbt sich für kurze Zeit weiß, um die Aufmerksamkeit des Navigators, Captains oder wenigstens irgendeines Crew-Mitglieds auf sich zu ziehen.
    Als das Radar anschlägt, braucht Nelson einen kurzen Moment, um die Veränderung zu realisieren. Er murmelt irgendwas Unverständliches, während er den Link zur Flugsteuerung herstellt. Dadurch verbindet er seine zerebrale Steuerungseinheit mit den Flugsystemen des Raumschiffs. Diese Cyberware ist mit einzelnen Regionen seines Gehirns verbunden, um ihm mehrere Vorteile einzuräumen: Durch die zerebrale Steuerung hat er deutlich schnellere Reaktionsgeschwindigkeiten auf neue Gegebenheiten; die von den Schiffssensoren mitgeteilten Informationen werden unmittelbar durch sein Unterbewusstsein erfasst und verarbeitet, ohne den Umweg über seine analogen Wahrnehmungsorgane sowie den Vorgang des Verstehens zu nehmen; seine eigene Wahrnehmung wird um die der Schiffssensoren erweitert, so dass er auch ein körperliches Gefühl für das Schiff hat; und er kann das Schiff deutlich eleganter steuern. Dieses Cybersystem erlaubt ihm den weiteren Umgang mit seiner unmittelbaren Umgebung – in Wahrnehmung und Artikulation.
    “Captain! Wir sind da.”
    Während er die Meldung über Bordfunk abgibt, geht seine optische Wahrnehmung zum Teil in den Sensoren des Schiffs auf. Um ihn herum verschwimmt alles für einen kurzen Moment. Und wie üblich verschärfen sich unmittelbar alle Konturen, als hätte jemand ein besonders kaltes Licht eingeschaltet, um die Kontraste zwischen den verschiedenen Gegenständen und Materialien hervorzuheben. Diese Änderung der Wahrnehmung ist immer wieder für einen kurzen Moment ähnlich unangenehm, wie es die plötzliche Sturzfahrt in einer Achterbahn ist; sie raubt einem den Verstand und berauscht gleichermaßen. In den Sekunden, die Nelson für das Gewöhnen braucht, atmet er kurz durch, um sich dann entspannt in seinen Systemen umzusehen. Umfangreiche Reihen an Zahlen und Wortkolumnen brechen über ihn herein, die die verschiedenen Schiffswerte betreffen. Er versteht, unter welchen gravitonischen Einwirkungen das Schiff fliegt, wie die verschiedenen Systeme arbeiten, und bemerkt sofort, dass alles im grünen Bereich ist. Seine Aufmerksamkeit lenkt er nun auf das Radar, welches in der virtuellen Realität der Flugsteuerung viele Zusatzfunktionen bietet – selektiver Zoom, “manuelle” Signaturverwaltung, Zielsysteme, Funkkontrolle mit standardisierten Funksprüchen und vieles mehr.
    Über den Bordfunk hört er nach kurzer Zeit ein Krächzen in den Lautsprechern: “Roger that.”
    Gut. Die Crew macht sich fertig. Hoffentlich ist Juan aus seinem Rausch raus … Seine virtuellen Finger überprüfen die ermittelten Radarergebnisse. Wie zu erwarten war, haben die Schiffssensoren verschiedene Objekte ausgemacht, die keine Telemetriedaten ausgeben; das System hat ihnen scheinbar wahllose alphanumerische Signaturen zugewiesen, die ihm nun aufgelistet werden. Objekt für Objekt lässt er sich die ersten sensorischen Auswertungen zu Beschaffenheit, radiologischen Werten und äußeren Dimensionen anzeigen, um das beste Stück herauszufinden oder andere Fördermodule oder Raumschiffe auszumachen, die unbemerkt und häufig mit illegalen Absichten in diesen Asteroidenfeldern ihre eigenen Ziele verfolgen.
    Knirschend vom alten, mit Staub und Dreck versetzten Fett öffnet sich das Schott zur engen Brücke. Captain Sally Menn stützt sich müde und sichtlich verspannt an die Lehne von Nelsen und mustert die Ausgaben auf dem Radar und den verschiedenen Bildschirmen über Nelsons Schulter. Sie gähnt und massiert ihren lockigen Hinterkopf. “Und?”
    “Hi, Captain. Fette Beute. Und keiner da. Die letzte Schicht hat wohl etwas früher Schluss gemacht.”
    Captain Menn lehnt sich etwas vor und schaut durch die schmalen Sichtschlitze. “Wir sind ja noch nicht da.”
    “Nein, Mam. Noch nicht in Sichtreichweite. Wir sind erst in lokaler Sensorenreichweite. Ich schätze, die ersten Objekte erreichen … wir … in … 34 FSA Minuten und jetzt 29 Sekunden. Regionaler Scan für angrenzende Quadranten läuft, aber bisher ohne Ergebnisse. Funk ist frei; keine telemetrischen Übermittlungen. Sieht gut so weit aus… ”
    Captain Menn gähnt. “Gut. Zeit genug für die Crew. Mach alle drei Einheiten bereit!”
    “Alle drei?”
    “Ja. Warum?”
    “Juan …?”
    “Halb so wild.” Mit diesen Worten verlässt sie die Brücke, und das Schott schließt sich wieder knirschend.
    “Mkay.” Nelson aktiviert mehrere Applikationen der Flugsteuerung, weist dem Shuttle einen Container zu, der mit Fördermodulen und einem Magrav beladen wird; alle Maschinen werden in Standby versetzt. Auch die Raumanzüge für Außenarbeiten werden vorbereitet.

    “Dorne sind’ raus!”
    “Hab’s auf’m Radar.”
    “Und treffen das Ziel. Winde … läuft jetzt.”
    “Habe Euch gelockt. Sicherungskabel sind fix.”
    “Juan, Sandra, Luko. Startet Eure Fräsen!
    “Aye!” “Okay.” “Yep.”
    Ein leichter Ruck fährt durch Shuttle und Container, welcher in eine leichte Vibration übergeht, als die Winden das Shuttle mit dem Container über dem Asteroiden in Position ziehen. “Crew – seid ihr gesichert?”
    “Alle gesichert, Captain.”
    “‘kay, öffne das Schott.”
    Langsam öffnet sich die Tür des riesigen Containers unter dem Shuttle. Von innen blinken verschiedene Lichter und die flackernden Flammen der Steuerdüsen der Fördermodule. Sie haben eine vage humanoide Form, um die Anatomie ihrer Piloten zu berücksichtigen. In ihren primären Armen sind anstelle von ausgebildeten Händen oder Greifern gewaltige Apparate aus Bohrern und Fräsen eingebaut. Die sekundären Arme ragen wir verkümmerte Spinnenbeine von dem Torso ab; sie führen Leitungen von Tanks auf dem Rücken der Module zu den Bohrgeräten. An den Beinen, unmittelbar oberhalb der Füße mit den Steuer- und Flugdüsen ragen zusätzlich mehrere kurze Greifarme hervor, die das Fördermodul an einem Objekt festhalten sollen. Langsam steuern die Piloten ihre drei Module zwischen vier Kabeln auf einen großen Asteroiden zu. Als sie ihn erreichen, bewegen sie sich langsam über die Oberfläche, um schließlich in einer dreieckigen Formation stehen zu bleiben. “Wir sind bereit. Abschirmung aktiviert. Ihr könnt das Magrav starten.”
    “Aye.” Zwischen den vier Kabeln, die das Containershuttle mit dem Asteroiden verbinden, als wär das Shuttle die Spitze einer gleichförmigen Pyramide, entladen sich kurz mehrere elektrische Blitze, als sie unter Strom gesetzt werden. Kaum sichtbar für das menschliche Auge baut sich ein Energiefeld entlang der Kabel und zwischen ihnen auf, als wären sie Planen für ein Zelt.
    “Das Feld steht. Feldstärken innerhalb der Parameter. Der Staubsauger ist betriebsbereit. Legt los! Nelson? Hast Du uns auf dem Schirm?”
    “Ja, sieht alles gut aus. Der Reaktor der Delphi läuft; Sicherheitssysteme übernehmen automatische Überwachung.”
    Die Bohrwerkzeuge der Fördermodule werden abgesenkt. Die mehrlagigen Fräsen drehen sich in entgegengesetzten Richtungen. Als sie mit der Oberfläche des Asteroiden zusammentreffen, splittern zahlreiche kleinere und größere Splitter von der Oberfläche. Funken sprühen. Und schon nach wenigen Sekunden zischt Dampf hervor, als Kühlflüssigkeit, die über die Arme der Fördermodule in die Fräsen geleitet wird, auf die heißen Oberflächen der Werkzeuge trifft. Schnell dehnt sich eine dichte Wolke aus Asteroidenerz und Dampf aus, der die Fördermodule einhüllt. Die beschleunigten Brocken und Splitter prallen an den Schutzplatten der Module ab und schlagen dabei zusätzliche Funken. Langsam baut sich über den Modulen ein Kegel aus Brocken und vom kondensierenden Dampf verschlammten Staub auf, der sich langsam zum Container über ihren Köpfen hebt. Nach wenigen Minuten sind die Fördermodule in dieser Säule vollständig verschwunden, und nur verschwommene und gebrochene Lichter der Positionslampen weisen noch auf sie hin. Regelmäßig wechseln sie ihre Position um mehrere Meter, wodurch der Kegel geringfügig unterbrochen wird.

    Nelson überwacht die Werte der Fördermodule und des Containershuttles. Immer wieder flackern Kontrollleuchten auf, wenn Grenzwerte über- oder unterschritten werden oder wenn es innerhalb des Containers zu einem Materialstau kommt. Über Fernsteuerung koordiniert er verschiedene Hilfsmaschinen oder -funktionen an den Fördermodulen oder des Containers, um die Arbeit der Crew so weit wie möglich zu vereinfachen.
    Plötzlich taucht am Rande seiner Kontrollen ein unerwarteter Hinweis auf. Hell-Orange flackern die Schriftzüge auf, deren Inhalt Nelson nicht glauben kann. Außerdem flackert das Radar weiß auf. Er öffnet eine Systemdiagnose, die die Meldung verifizieren soll. Nur wenige Sekunden später erhält er die Information, dass die Meldung valide ist.
    “Captain! Wir haben ein Problem!”
    Er startet mehrere Steuersysteme, die den Hinweis analysieren sollen.
    “Captain? Sandy? Hörst Du mich? Wir haben ein Problem. Eine Welle!”
    Krächzend kommt die Antwort. “Welle? Bitte überprüfen. Das ist doch unmöglich. Niemals so nah an Planetoiden.”
    “Captain. Die Meldung ist valide. Die Kontrolle der Sensoren und die Interpretation der Flugsteuerung sind … Oh verdammt.”
    “Nelson? Was ist los?”
    “Captain! Evakuierung einleiten!”
    “Evakuierung, Nelson?”
    “Evakuierung. Sicherheitsprotokoll IM-FM17 einleiten. Sofort!”

    “Crew! Maschinen stoppen! Sofort Grabung abbrechen!”
    “Was?” “He?” “Yeah! Feie…”
    “Ich wiederhole: Crew – sofort die Grabung abbrechen.”
    “Fräse gestoppt!” “Gestoppt!” “Moment…”
    “Juan! SOFORT anhalten!”
    “Aber ich habe hier ein besond…”
    “JUAN!!!”
    “Okokok. Ist gestoppt.”
    “Bereitmachen für Evakuierungssequenz IM-FM17″
    “Evak…?” “IM-FM17?” “Machste Witze?”
    “Keine Zeit für Erklärungen. Notsprung zum Container vorbereiten und alle redundanten Systeme abschalten. Rekalibrierung des magnetogravitonischen Felds auf Eure Massen läuft. Auf Drei starte ich eure Düsen über die Telemetrie. Eins! ”
    “Ja!” “Äh, äh, äh …” “Ay, Cap.”
    “Zwei!”
    Die Piloten der Fördermodule arretieren die verschiedenen Gliedmaßen ihrer Maschinen und trennen mit schnellen hektischen Eingaben über die Steuerung verschiedene Stromversorgungen und Zuleitungen, um die Risiken einzuschränken. Evakuierungen dieser Art kommen so gut wie nie vor.
    “Drei!” Captain Menn gibt den Befehl an den Bordcomputer.
    Mit einem kräftigen Ruck stoßen die Fördermodule von der Oberfläche des Asteroiden ab. Lukos und Sandras Module katapultieren zügig in Richtung des Containers. Juans Modul kommt so plötzlich zum Halt, wie es gestartet ist. Die Haltearme des rechten Beins sind noch immer am am Asteroiden fixiert. “VERDAMMT!” Sein Schrei explodiert regelrecht in den Lautsprechern aller anderen Crew-Mitglieder.
    “Was ist los?” “Juan?”
    “Ruhe, Crew. Juan! Report!”
    “Cap! Ich hänge fest. Die Haltearme haben sich nicht gelöst.”
    “Nelson! Status. Kannst Du das Problem lösen?”
    “Bin dran, Cap.”
    “Luko, Sandra! Weiter zum Container! Nelson, was ist mit der Welle?”
    “Welle?” Juan, Luko und Sandra sind überrascht.
    Captain Menn ärgert sich in diesem Augenblick, dass sie in der Hektik nicht den Kommunikationskanal zu Nelson, sondern den allgemeinen benutzt hat. “Ruhig, Crew. Nelson, Neuigkeiten?”
    “Captain. Juan hat ein verdammtes Problem. Was auch immer passiert ist, die Funktionen der Haltearme werden nicht angezeigt. Es ist …”
    “Was?” Die Stimme von Juan überschlägt sich. “Ich sehe die Scheiß Dinger doch!”“Nelson: Klär’ das! Und was ist mit der Welle.”
    “Captain und Crew: Umgehend zum Schiff zurückkehren. Evakuierungsplan IM-FM17 Stufe Gamma erreicht.”
    Kurz vor dem Container starten die Fördermodule von Sandra und Luko die Steuerdüsen. Sie machen eine 180° Kehre und beschleunigen in Richtung des Asteroiden. Captain Menn springt aus ihrem Sitz im Shuttle auf, als sie dies ungläubig sieht.
    “Leute! Ihr könnt mich doch nicht …”
    Sandra unterbricht ihn: “Wir lassen Dich nicht im Stich!”
    “Sandra? Was machst Du da?”
    “Ich kann Juan nicht zurücklassen.”
    “Sandra, zurück zum Container! Luko, Du auch!!!”
    “Mam, er gehört zu uns! Sandra und Juan, wechselt auf Kanal 19 – dann können wir uns koordinieren!”
    Nelson wird zunehmend unruhig: “Captain und Crew: Wir müssen umgehend umkehren. Das Sicherheitsmaneuver IM-FM17 …”
    “ER GEHÖRT ZUR CREW!” Sandras Schrei durch den Funk lässt alle anderen stocken. “Sag uns lieber, wie viel Zeit wir noch haben!”
    “Moment …” Nelson, hin- und hergerissen zwischen den Sicherheitsanweisungen des Konzerns und seinem Crew-Mitglied und Freund, liest die Auswertungen der Funksteuerung, Sensoren und des Radars. “Schwer zu sagen. Ich habe solche Werte noch nie gesehen …”
    Captain Menn hat das Gefühl, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Sie lässt sich langsam in ihren Sitz sinken. “Was heißt, du hast solche Werte noch nie gesehen …”
    “So eine Welle! Das sind, … Das sind Größenordnungen wie bei einer … einer großen Schiffsflotte.”
    “Einer … ?“
    „Einer großen Schiffsflotte.”
    “Großen Flotte?”
    “Verdammt großen Flotte. Mit perfekt synchronisierten Flug … ETA FSA 4 Minuten und 3 Sekunden, vielleicht auch nur 2 Minuten und jetzt 47 Sekunden.”
    “Zwei Werte?”
    “Captain – die Sensoren geben verrückte Zahlen aus!”
    “Und sie funktionieren ganz sicher? Wie auch die Schiffskontrollen?”
    “Ja, doch! Mehrere Analysen bereits durchgeführt … Tiefenanalyse ebenfalls ohne Fehler.”
    “Das heißt …?”
    Nelson antwortet nicht. Diese Stille lässt Captain Menn Schlimmes ahnen. Nach unerträglichen Sekunden antwortet Nelson mit zittriger, aber bestimmter Stimme:”Aye … Starte Notfallprozedur IM-FM19.”

    “Juan! Kannst Du irgendwie die Haltearme reaktivieren?”
    “Es riecht nach verbrannten Kabeln! Hier geht gar nichts mehr!” Juan hat die Fassung verloren. Er kann keine klaren Gedanken fassen. Hilflos drückt er Knöpfe und versucht, die Kontrolle über sein Modul zu gewinnen. Tränen steigen ihm in die Augen, und ein dicker Kloß in seinem Hals entzieht ihm alle Kraft und Hoffnung.
    “Verdammt! Bleib ruhig! Wir sind gleich da.” Sandras Stärke ist es schon immer gewesen, in hektischer Situation die nötige Ruhe zu bewahren. Aber das täuscht nicht über ihre eigenen Ängste hinweg. IM-FM17 … Wann war verdammt noch mal IM-FM17 … Bei … bei … “Luko? Erinnerst Du Dich noch daran, wann IM-FM17 ausgeführt werden musste?“
    “IM-FM17 … Das ist bei unausweichlichen Kollisionen. Normalerweise gibt es Vorstufen … Ich frage mich die ganze Zeit, ob Nelson gepennt hat …“
    Die Module von Luko und Sandra erreichen die Oberfläche. Nach mehreren Schritten erreichen sie das Modul von Juan. “Luko, kannst Du Deine Fräse einschalten? Meine Systeme sind tot.”
    “Sieht bei mir genauso aus. Delphi? wir brauchen unsere Fräsen …” Mehrere Sekunden verstreichen. “Delphi? Delphi, hörst du mich?”
    “Juan? Luko? Delphi?”
    “Sandra? Juan? Delphi?”
    “Luko? Sandra? Delphi?”
    Sandra wird plötzlich eiskalt, als sie versteht. Nach IM-FM17 kommen nur zwei weitere Protokolle dieser Kategorie: IM-FM18 mit der vollautomatischen Fernsteuerung und IM-FM19 mit der Aufgabe von Personal und Gerät.

    Nervös behält Captain Menn die Uhr im Auge. Das wird knapp. Das wird knapp. Das wird knapp.
    Über Funk erfährt sie von Nelson, dass die Dock-Automatik das Shuttle erfasst hat und die Landeautomatik den Vorgang eingeleitet hat. “Gut. Kurs bereits gesetzt und Maschinen gestartet?”
    “Aye, Captain. Wird auch Zeit … Die Sensoren spielen verrückt …”
    Captain Menn sieht, wie die Delphi, die das gesamte Sichtfeld aus ihrem Cockpit ausfüllt, plötzlich auseinanderbricht und Flammen in allen Farben und Formen aus dem inneren strömen. Ihren Schrei hört sie nicht mehr, als ihr Shuttle von Flammen und Trümmern erfasst wird.
    Über allen drei Fördermodulen, die keine Funkverbindung mehr haben, steht noch immer eine diffuse Wolke aus Staub und Dreck von den Arbeiten. Abgesehen von ihren eigenen Positionslichtern ist es dunkel um sie herum. Nur für wenige Sekunden ändert sich das, als sich über ihnen eine große Helligkeit ausdehnt, deren Flammen auch die Partikel der Wolke verzehren. Ihre Schreie innerhalb ihrer eigenen Maschinen verstummen nach wenigen Sekunden …

    #2437
    Fred_Krug
    Mitglied

    „Haben sie eine Erklärung dafür?“ Professor Ngumo Modupe mustert aufmerksam sein Team wissenschaftlicher Mitarbeiter aus seinen großen weißen Augen mit den tiefschwarzen Pupillen. Seine dunkle Stirn runzelt er, als er seinen Kopf leicht senkt, während seine Pupillen jeden einzelnen nacheinander intensiv anstarren. Er faltet seine Hände vor dem Mund. „Niemand? Keiner von ihnen?“
    Betroffen schaut das Team auf verschiedene Holoprojektionen und Monitore, auf denen Flussdiagramme und Messergebnisse in wirren Linien wiedergegeben werden. Das künstliche, bunte Licht der Projektionen ergänzt das Neonlicht, das den Sitzungsraum von der Decke her besonders kalt ausleuchtet. Die metallenen Wände sind vom Zahn der Zeit gezeichnet und sind an verschiedenen Stellen leicht angerostet oder mit soliden Schweißarbeiten ausgebessert worden. Immer neue und immer andere Kabelschächte und Leitungskanäle aus unterschiedlichen Materialien am Boden oder unmittelbar unter der Decke rahmen die Wände ein und versorgen die verschiedenen Monitore und Tafeln mit Strom. Ein Linsenschott führt aus dem Raum heraus. Gegenüber des Schotts am anderen Ende des Raums steht der schweren Stuhl des Professors am Kopfende des Sitzungstischs; hinter dem Stuhl befinden sich zwei große Bullaugen in der Außenwand, durch die die glitzernden Sterne zu sehen sind. Acht Assistenten schweigen. Sie sind bekümmert und ängstlich. Denn sie sind ratlos und trauen sich nicht, auf Fragen des Professors Antworten zu geben.
    „Sehen sie, meine Damen und Herren … Sie sind nicht grundlos hier. Ich habe sie ausgewählt, um diese Forschung zu fördern und zu verstärken. Sie gehören zu den Jahrgangsbesten ihrer Institute oder Fakultäten. Ich habe nicht erwartet, jemals so viele Spezialisten vor mir sitzen zu sehen, die keine Antworten haben.“ Professor Ngumo lässt sich tief in seinen Stuhl sinken. Er stützt seine Ellbogen auf den Tisch, nachdem er die Projektionen alle mit einem einfachen Knopfdruck ausgeschaltet hat. Nur noch das klare, kalte Licht der Neonlampen flutet den Raum. Wie es von der Decke strahlt, so wirft es tiefe, lange Schatten auf die Gesichter der Assistenten – in Augenhöhlen, unter der Nase und dem Kinn, den Brillen und einzelnen Haarsträhnen. Wie teilnahmslose Karikaturen ihrer selbst sitzen sie starr auf ihren Plätzen. Bei einzelnen glänzt Angstschweiß auf der Stirn.
    „Schon wieder. Das ist in den letzten Wochen nicht das erste Mal, dass wir neue Werte hier haben, aber keine Antworten.“ Er drückt einen Knopf, wodurch ein leises Knistern aus einem Lautsprecher an der Tischoberfläche ertönt. „Miss Stewart. Sind die Schreiben fertig?“
    „Ja, Sir.“
    „Bringen sie sie!“
    „In die Besprechung? Ich dachte…“
    „Ja. Und Kaffee Bitte.“
    „Ja, Sir.“
    Nun lehnt er sich zurück und lässt seine schweren, großen Hände auf der Tischkante ruhen. Entspannt und ruhig mustert er seine Assistenten. Blickkontakte werden vermieden.
    Als sich das Linsenschott leise schabend öffnet, schaut eine unscheinbare Assistentin mit nussbraunem, kurzem Haar angstvoll auf und zur Tür. Eine ältere, gesetzte, bleiche Frau mit silbergrauem Haar und in ein modisches Kostüm gekleidet betritt den Raum. Sie trägt ein Tablett, auf welchem eine metallene Kaffeekanne, eine einzelne Kaffeetasse mit einem gläsernen Rührstab, Milch und Zucker sowie eine Aktenmappe liegen. Auf ihren Stöckelschuhen, die rhythmisch auf der metallenen Oberfläche klackern, geht sie zügig zu Professor Ngumo und stellt das Tablett vor ihn auf den Tisch. „Danke, Miss Stewart.“ Sie lächelt angestrengt, nickt kurz, verlässt den Raum und schließt das Linsenschott wieder.
    Die unscheinbare Assistentin schielt verunsichert auf die Mappe und zittert leicht.
    Langsam und genüsslich schenkt sich Professor Ngumo eine Tasse Kaffee ein; ein Schuss Milch und zwei Würfel Zucker folgen. Mit dem Glasstab rührt er in dem Becher, und das Klirren im Becher steigert die unerträgliche Spannung. „Möchte noch jemand einen Kaffee?“ Ein boshaftes Lächeln deutet sich an seinen Mundwinkeln an. Dann legt er den Glasstab zur Seite und nippt zufrieden an dem Kaffee. Nachdem er die Tasse abgesetzt hat, legt er die Hände zusammen und mustert seine Assistenten wieder. „Sie … sind als wissenschaftliches Team eingestellt. Ihre Aufgabe ist es, Messungen und Messverfahren auszuwerten und vor allem die Unerklärlichen Ergebnisse zu beschreiben und zu erklären. Korrigieren sie mich, wenn ich mich täusche.“
    Jetzt erhebt er sich und stolziert langsam um den Sitzungstisch herum. Jedes Mal, wenn er einen seiner Assistenten passiert, würdigt er ihn keines Blickes; der aber sackt merklich zusammen. „Das Unerklärliche kann offenkundig sein; oder es verbirgt sich hinter Werten, die normal … schei-nen. Für beides müssen wir Forschungsergebnisse vorweisen.“
    Als er das Schott erreicht, schaut er kurz in die Mitte der Linse. Dann setzt er seinen Gang fort. „Sie wissen, warum wir das müssen. Das erklärte ich ihnen bei ihrer jeweiligen Begrüßung und auch immer wieder, wenn wir in der Vergangenheit etwas herausgefunden haben. Wir sind nicht allein der Wissenschaft verpflichtet; wir sind vor allem unseren Geldgebern verpflichtet. Sie kennen die Liste der größeren und kleineren Unternehmen; sie wissen, welche zentralen Einrichtungen der FSA hier Interessen verfolgen. Sie wissen vor allem auch, welcher tiefere Sinn dahinter steht, was wir hier tun. Was sie nicht wissen … nun, ich sollte sagen: offenkundig nicht wissen WOLLEN …“, hier erhebt er seine Stimme, hält kurz inne und guckt sich kurz in der Runde um, „ … ist, dass ICH derjenige bin, der mit den Geldgebern regelmäßig spricht.“ Er geht nun weiter, denn wieder kreuzen sich keine Blicke; er sieht nur die betretenen Gesichtsausdrücke gesenkter Köpfe von seinen Assistenten, die versuchen, immer kleiner und unauffälliger in ihren unbequemen Stühlen zu verschwinden.
    „Was meinen sie, was passieren würde, wenn ich auf Fragen ebenso schweigsam wäre, wie sie es sind?“ Er geht ohne weitere Worte weiter, bis er an seinem Stuhl angekommen ist. Dort ergreift er die Mappe und setzt seinen Gang fort. Er geht langsamer und öffnet die Mappe, um in ihr zu blättern. Bei jedem einzelnen Assistenten macht er kurz Halt, sucht aus einem kleinen Stoß Papieren ein Dokument, zieht es heraus und legt es dem jeweiligen Assistenten vor, wobei nur die leere Rückseite zu sehen ist. Unbekümmert spricht er weiter. „Die Geldgeber würden damit beginnen, immer mehr Fragen zu stellen. Vor allem würden sie Untersuchungen einleiten. Sie würden wissen wollen, was mit ihrem Geld passiert, wenn sie auf ihre Fragen keine Antworten von mir erhielten. Sie, meine Damen und Herren, glauben gar nicht, wie genügsam diese Manager und Politiker sind. Einfache Antworten, die einfach nur wissenschaftlich klingen, genügen ihnen oftmals – selbst solche, die keinen Aussagewert haben. Aber wissen sie was?“ Jetzt steht er wieder vor der Linse und mustert sie kurz. „Mir gehen die Antworten mittlerweile aus.“
    Unerwartet drückt er den Türöffner, und die Linse schnellt knirschend auf. Auf der anderen Seite kauern zwei Personen, als würden sie an der Tür horchen – Miss Stewart und ein junger Mann mit einem indianischen Einschlag. Erschrocken und entsetzt schauen Sie zum Professor auf. Sein vernichtender Blick täuscht über die harmlose Frage hinweg: „Gibt’s was?“
    Miss Stewart stammelt nur ein „N-n-nein“ und begibt sich zu einem großen Schreibtisch mit umfangreichen EDV- und Kommunikationssystemen, während sie hochrot anläuft. Der junge Mann ist wie gelähmt. Professor Ngumo starrt ihn abschätzig an: „Ich kenne sie doch. Sind sie nicht der Hiwi von Doktor Matsuke?“ Er erwartet keine Antwort und will die Tür schließen, als der Mann reagiert: „J…ja, Sir.“ Das linke Auge von Professor Ngumo zuckt kurz überrascht. Dann wendet er sich seinem Team zu. „Der hat gerade mehr gesagt als sie in der letzten halben Stunde. Ist das nicht lustig?“ Dann wendet er sich dem jungen Mann wieder zu. „Los! Losloslos! Kommen sie rein!“
    „I-ich …?“
    „Ja, sie. Sie waren doch auch daran interessiert, was hier besprochen wird. Jetzt können sie nicht nur zuhören. Ich gebe ihnen eine Chance …“ Irritiert steht der junge Mann vor der Linse; der Professor zögert nicht und zieht ihn mit beachtlicher Leichtigkeit in den Raum. Dabei flunkert er Miss Stewart gleichgültig an: „Miss Stewart, keine Gäste. Wenn Doktor Matsuke nach … nach … Wie ist ihr Name?“
    „Pedro.“
    „Haben Sie keinen Namen?“
    „Äh, äh …Pedro Sastre.“
    „Wenn Doktor Matsuke nach Mister Sastre fragt, sagen sie ihm, dass er in einer Besprechung mit mir ist. Keine Störung!“
    „Jawohl, Sir.“ Miss Stewart fühlt sich nicht wohl. Aber sie ist erleichtert, dass Professor Ngumo abgelenkt ist. Dann schließt sich die Linse mit seinem charakteristischen Geräusch.
    Pedro steht wie bestellt und nicht abgeholt an der Linse, während Professor Ngumo seinen Marsch um den Sitzungsraum fortsetzt. „Meine Damen und Herren, darf ich ihnen vorstellen: Pedro Sastre, Hilfswissenschaftler von Doktor Matsuke. Mister Sastre – mein Team.“ Mit diesen Worten erreicht er seinen Platz und schaltet die Diagramme und Statistiken wieder ein. In allen Farben flackern und leuchten die verschiedenen Anzeigen an den Wänden und in der Holoprojektion über dem Sitzungstisch. „Mister Sastre. Bitte, schauen sie sich diese Werte an! Und sie anderen bitte auch.“ Professor Ngumo setzt sich wieder.
    Unsicher tritt Pedro kurz vor und schaut sich die Holorpojektionen an. Schnell lässt er davon ab und geht unsicher zu den Projektionen an den Wänden. Als er die dritte erreicht, haftet sein Blick sehr viel länger an diesem als bei den übrigen, weil ihm mehrere Kleinigkeiten an der Grafik irritieren. Niemand bemerkt, wie sich Professor Ngumos Gesichtszüge geringfügig erhellen. Dann dreht sich Pedro um. „Geh… Geht es hier drum?“ Er deutet auf die dort abgebildeten Messergebnisse.
    Professor Ngumo sieht sich in seinem Team um: „Was meinen Sie? Geht es da drum?“ Betreten halten sich die Assistenten zurück. Lediglich die unscheinbare Frau mit den kurzen nussbraunen Haaren wird etwas unruhig. Sie hebt zaghaft ihre Hand. „Miss Löndrum! Bitte!“
    „Ich … denke schon.“
    „Und was meinen Sie dazu? Haben Sie sich die Werte selbst näher angeguckt?“
    „I … ich … Nun ja, … nein.“
    „Warum nicht?“
    Schüchtern schaut sie auf den Tisch und ziert sich mit der Antwort, wobei ihr Blick sie verrät, als dieser ein wenig zum anderen Ende des Tisches zuckt.
    „Ich sage ihnen, warum sie sich die Werte nicht angesehen haben. Weil sie für diese Werte nicht zuständig waren. Sie haben sich bis jetzt mit anderen Daten beschäftigt, die damit möglicherweise in keinem Zusammenhang standen. Und dass sie jetzt nicht antworten, spricht für ihre Kollegialität. Sie haben etwas gesehen, sind neugierig geworden und wollen nun den Ruf ihrer Kollegen nicht beschädigen. Liege ich da in etwa richtig?“ Miss Löndrum atmet sichtlich entspannt durch und nickt andeutungsweise. „Und zwar war ihnen das schon bei unserer Besprechung vor zehn Zyklen bewusst. Richtig?“ Wieder nickt sie erleichtert, bis Professor Ngumo plötzlich explodiert: „Aber, verdammt noch mal, sie sind hier nicht für Kollegialität, sondern für den wissenschaftlichen Erfolg!“ Alle im Raum zucken zusammen, als er laut mit seiner tiefen, dunklen Stimme wie ein Sturm grollt. Nur das leise Surren der verschiedenen Anzeigentafeln und der Projektion sind danach noch zu hören, während alle außer dem Professor ihren Atem anhalten. Professor Ngumo nimmt einen Schluck Kaffee und erdet sich selbst, wobei seine Nasenflügel beben und seine eigene Anspannung anzeigen.
    „Ss… Sir?“ Pedro flüstert fast nur.
    „Mister Sastre. Was sehen sie auf der Anzeige?“ Professor Ngumo ist ungeduldig und widmet seine volle Aufmerksamkeit wie gelangweilt seinem Kaffee.
    Pedro wendet sich der Tafel zu und sieht sich die Anzeige näher an. „Ich … nun … äh …“
    „Kommen sie zur Sache! Ihr Publikum langweilt sich.“ Dabei macht der Professor eine ausschweifende Bewegung in die Runde der Assistenten, die verlegen in die Leere starren.
    „Die Grafik bildet ab, was ein Massenspektrometer in den letzten 17 Zeiteinheiten erfasst hat. Die, die, ähm … die Einheit ist ungewöhnlich für so ein Spektrometer. Zyklen?“
    „Ja, Zyklen. Im Sinne von Tagen. Fahren sie fort!“
    „Tage? Wirklich? Ok. Also, auffällig sind zwei geringfügige Ausschläge, deren Werte ab ihrem jeweiligen Ersteintritt dann auf gleichbleibend hohem Niveau bleiben. Wie eine Treppe …“
    „Und?“
    „Sir … ich … ich verstehe nicht … Was wird denn hier gemessen?“
    „Mister Sastre. Was sie da sehen, ist das Massenspektrometer-Diagramm für einen Sektor in dem Sternensystem HG 51Y92 – in den FSA Karten auch als System Tian Three verzeichnet.“
    „Massenspektrometer für Sternensystemsektoren?“ Pedro ist erstaunt.
    „Ein neuartiges Messverfahren, das wir hier verfeinern! Das sollten sie … Ach, sie sind ja Hiwi von Matsuke. Anderes Projekt … Gut. Professor Henry Muller-Dawson des Astrometallurgischen Instituts auf New Shengzen hat ein Spektrometer-System entwickelt, welches nicht auf molekularer Ebene sondern in deutlich größerem Umfang Messungen vornimmt; dabei werden die Messverfahren von klassischen Massenspektrometern, Gravitometern und radiologischen Scannern verknüpft; dieses Verfahren ist jung, hat sich in verschiedenen Tests als nützlich und geeignet herausgestellt, um systemweite Untersuchungen nicht nur über Vorkommen, sondern auch Dichte von Mineralien und Molekülen aller Art zu ermitteln – nicht Dichte im Massensinne sondern im Sinne von Anzahl pro Volumeneinheit. Und nun wenden wir dies auf Tian Three an. Und zwar messen wir gezielt nach metallurgischen Verbindungen, die auf Titan und verschiedenen radioaktiven Metallen basieren. Jetzt, da sie wissen, was gemessen worden ist, was sagen sie zu dem Ergebnis?“
    „Ähm … äh … Messfehler … Die Sektoren … ich meine … Das ist doch nicht möglich, dass es solche Wertsteigerungen in so kurzer Zeit gibt … Sicher, dass die Anlage richtig kalibriert ist?“
    „Mister Schmidt. Ihr Aufgabenbereich!“ Professor Ngumo klopft ungeduldig auf dem Tisch. „Mister Schmidt. Der Student beleidigt sie. Er wirft ihnen vor, dass sie ihre Geräte nicht richtig kalibriert haben!“
    Ein dicklicher Mann mit einem nun roten Gesicht guckt nervös auf. Seine helle Stimme strahlt alles andere als Zuversicht aus. „Professor Ngumo. Ich versichere ihnen …“
    Der Professor winkt ab: „Mister Sastre. Sie hören meinen Assistenten. Die Geräte sind in Ordnung. Was kommt noch in Frage?“
    „Solche Werte? Und alle Geräte in Ordnung? Nun, äh …“
    „Glauben sie etwa, ich suche mir unfähige Assistenten für meine Arbeit aus oder habe mich nicht selbst über die Funktion der Geräte rückversichert?“
    „Nein. Neinnein, Sir. Ich meinte …“
    „Ja?“
    „Solche Abweichungen … Ich verstehe das nicht. Das sind Steigerungsraten, die sich mir nicht erklären.“
    „Warum sind sie dann Hilfswissenschaftler von Matsuke?“
    „Äh …“ Pedro bekommt feuchte Hände. „Nun, Sektor in einem Sonnensystem … Wahnsinn. Sektor … Das ist was für ein Gebiet?“
    „Miss McPherson. Ihr Bereich. Welches Gebiet wird durchleuchtet?“
    Am fernen Ende des Tisches schaut eine Frau mit blondgefärbtem Haar auf, das im Ansatz wieder merklich nachgedunkelt hat; sie lächelt und sieht mit leblosen Augen abwechselnd zu Professor Ngumo und Pedro: „Nun, das … das Gebiet, das durchleuchtet wird, ist kegelförmig und erstreckt sich 15 Millionen Kilometer in die Tiefe. An der Basis dehnt es sich 10 Millionen im Durchmesser aus. Es … es ist ein kleiner Sektor, der einen Ausschnitt des Asteroidengürtels in Tian Three betrachtet.“ Sie lächelt nochmal kurz und lehnt sich dann wieder zurück in ihren Stuhl.
    „ Und was sagen Sie zu diesen Werten, jetzt, da wir wissen, dass sie doch reden können?“ Professor Ngumo durchbohrt sie mit seinen Blicken.
    „Nun, Professor, ähm … Nun … Wir untersuchen das noch.“
    „Miss McPherson – der erste Sprung in den Werten geschah vor dreizehn Zyklen, der zwei vor sechs. Nach jedem Sprung bleiben die Wert auf dem neuen erhöhten Wert. Irgendwelche Erklärungen? Ideen?“
    „Wir… wir warten noch auf Bildmaterial von den Förderstationen.“
    „Wie lange kann das wohl dauern? Ein Zyklus, zwei Zyklen? Wann haben sie denn um Bildmaterial gebeten? Und was werden ihnen denn rein optische Bildmaterialien von Förderstationen mitteilen, was nicht in Präzisionssystemen schon ermittelt worden ist?“ Miss McPherson schnappt kurz nach Luft und wendet sich verlegen ab.
    „Mister Sastre. Da sich meine Assistentin als resistente Verweigerin darstellt – was sagen sie?“ Professor Ngumo macht eine abwertende und wegwerfende Bewegung.
    Ratlos und unsicher schaut Pedro zwischen Professor Ngumo, Mister Schmidt, Miss McPherson und Miss Löndrum hin und her. Professor Ngumo: „Nun?“
    „Sir. Wenn die Messergebnisse stimmen und die Masse-Werte derart ansteigen, dann … dann … Das würde ja bedeuten, dass Materie in so einem Umfang wie aus dem Nichts entsteht. Mir fehlen die Vergleichsgrößen … Aber, das sieht nach mehr als nach Kometen oder so aus.“
    „Materie aus dem Nichts?“ Professor Ngumo lehnt sich zurück. „Wie soll das gehen?“
    Pedro tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. „Ich … ich weiß nicht. Sonneneruptionen vielleicht? Planetoiden, die die Umlaufbahn gewechselt haben? Was …? Gibt es denn …? Ich meine … Andere Messungen? Oder verläuft der Orbit eines Zwillingplaneten durch den Sektor?“
    Professor Ngumo nippt an seinem Kaffee und beobachtet Pedro aufmerksam. Es ist wieder still in dem Raum. „Mister Sastre. Kennen sie dieses Sonnensystem? Tian Three?“
    „N … Nein. Sollte …“
    „Der Asteroidengürtel in dem System wird nicht von der Umlaufbahn eines Planeten durchkreuzt. Auch nicht von Planetoiden. Ein Komet würde diese kurzen Distanzen zwischenzeitlich verlassen haben, weshalb die Werte hätten einbrechen müssen. Und Sonneneruptionen … Die manifestieren sich nicht in Asteroiden! Aber dennoch, wie sie richtig gesehen haben: Die Werte tauchen unerwartet auf und bleiben auf dem neuen höheren Niveau.“ Professor Ngumo erhebt sich. „Meine Damen und Herren. Vor ihnen liegt ein Schreiben, dass ich angefertigt habe. Mit Ausnahme von Miss Löndrum drehen sie das Dokument bitte um und lesen sie den Inhalt.“
    Miss Löndrum beginnt zu schniefen. Sie ist sichtlich bemüht, die Fassung zu bewahren; aber die Tränen in den Augen bezeugen, dass die Verwirklichung ihrer schlimmsten Befürchtungen von ihr angenommen worden ist. Daher sieht sie nicht, wie die übrigen sieben Assistenten alle gleichermaßen bleich werden. Professor Ngumo wartet einen kurzen Augenblick. Dann spricht er: „Jetzt, da sie wissen, was diese Empfehlungsschreiben für sie bedeuten, wenden sie sich an Miss Stewart. Sie wird mit ihnen alles Weitere klären. Und jetzt gehen sie mir aus den Augen!“
    Nach und nach erheben sich alle und wenden sich auf ihren wackligen Beinen zum Gehen. „Miss Löndrum und Mister Sastre. Sie bleiben hier!“
    Knirschend öffnet sich das Schott; ebenso schließt es sich, als die sieben anderen Assistenten den Raum schließlich verlassen haben. Professor Ngumo hat sich zwischenzeitlich gesetzt und sich wieder Kaffee eingeschenkt. Während er Zucker und Milch verrührt, schaut er Miss Löndrum und Pedro ruhig und gelassen an. „Kaffee?“

    #2438
    Fred_Krug
    Mitglied

    Dissonant dröhnt der Gitterboden in dem schmalen Schacht, durch den sich Jaques zwängt. Seine schweren Arbeitsstiefel mit dem groben Profil sind wie Schlagzeugschlegel, die das Fell der Trommel solide treffen. Einige Gitter liegen nur lose auf oder sind durch die Halterungsstifte nicht fest angezogen, sodass sie heftig klappern. Hin und wieder stößt Jaques mit seiner Werkzeugkiste gegen seitliche Führungsleisten und Träger, die zahlreiche Kabelbäume und Leitungen an der Wand halten. Dabei rasselt das lose Werkzeug in der Kiste. Jaques selbst pfeift ein wirre Mischung verschiedener Melodien, die er im Verlauf seiner vielen Jahre aus verschiedenen Unterhaltungsmedien aufgeschnappt hat, und schleppt seinen opulenten Körper und das Werkzeug durch die engen Korridore, die wie ein Klaustrophobie auslösendes Wirrwarr und Netzwerk zwischen den Maschinenräumen und Versorgungslagern des Schiffs hindurchführen. Dampfen und Zischen verschiedener Ventile, das Stampfen, Summen und Surren unterschiedlicher Generatoren und Stabilisatoren und schließlich das bizarre Klicken und Klacken grober Elektroniksysteme tragen diese Soli aus Stiefelrhythmus, Werkzeugkastenscheppern und Pfeifen wie ein großes Konzert, das ohrenbetäubend ist und alle Dissonanzen harmonisch verschluckt.
    Vereinzelte Lichter beleuchten die verschiedenen Aufgänge und Abzweigungen. Dampf, der aus einzelnen Ventilen ausgestoßen wird, wirkt wie ein Lichtdiffuser, der das Licht gleichermaßen verstreut und verschluckt. Verschiedene Displays und Tastaturen, die an den unwahrscheinlichsten Stellen in den Wänden, an Konsolen oder einzelnen Kabelbäumen angebracht sind und Zeugnis über die über Jahrzehnte immer weiterentwickelten Technologien ablegen, spenden noch weiteres buntes, blinkendes und glitzerndes Licht. Vor allem dient eine Stirnbandlampe, die seitlich über dem linken Ohr von Jaques fixiert ist, als seine hauptsächliche Lichtquelle, während er sich durch die Korridore zwängt. Ihr Lichtkegel hat eine großzügige Ausdehnung und spendet ein schwaches Licht, das nur auf den ersten Metern zur groben Orientierung hilft.
    Schließlich erreicht Jaques ein Schott, das in den Boden eingelassen ist und in die Tiefe führt. Seitlich an der Wand befindet sich eine kleine Konsole. Unbeirrt setzt Jaques mit seinem Pfeifen fort, während er aus den Tiefen seines Overalls eine Identifikationskarte zückt. Sie ist mit einem federnden Bändchen an einem Halsband gesichert. Die Karte führt er in die Konsole ein, bis sie arretiert; eine Klappe springt auf und zeigt ein Display, unter welchem eine Tastatur für eine PIN-Eingabe hinterlegt ist. Jaques stutzt kurz. „Sacre … Wie war noch …?“ Er murmelt etwas, während sich seine schwammigen Gesichtszüge dabei kaum ändern. Dann setzt er den Werkzeugkasten ab und kramt in einer tiefen Hosentasche. Schließlich zieht er einen kleinen Kommunikator hervor. „Den? Hörst Du mich? Den??“
    Aus dem kleinen Gerät erklingt ein leises Rausches und Knacken. Auf dem Display sieht er kaum Ausschlag des Funksignals, weshalb Jaques seine Position etwas ändert – gerade so weit, dass das Federband zur Identifikationskarte nicht reißt und sich ein wenig Funksignal andeutet. „Den?“
    Stark verzerrt und rauschend erhält er Antwort von einer jungen Frau. „Ja?“
    „Wie war der Code?“
    „174.“
    „Wie? 1, 7 …?“
    „1. 7. 4.“
    Jaques versenkt den Kommunikator wieder in der Hosentasche und gibt den Code ein. Nach einem kurzen Moment löst sich die Arretierung seiner Karte, und gezogen von dem federnden Bändchen schnellt sie gegen seinen Bauch. Jetzt leuchtet ein kleines weißes Lämpchen an dem Schott auf, als auch an diesem eine unauffällige Klappe aufgesprungen ist. Schnaufend beugt sich Jaques runter, um die Öffnungselektronik zu betätigen. Er pfeift wieder, als unter dem Schott schabende und mechanisch mahlende Geräusche der Verriegelungsmechanik zu hören sind. Mit einem satten ‚Klang‘ springt das Schott ein Viertel Inch in die Höhe. Nun greift Jaques unter eine Kante und zieht es mühsam auf. Darunter öffnet sich ein enger Schacht mit einer schmalen Rohrleiter. Jaques steigt zunächst ohne die Werkzeugkiste hüfttief in diesen Schacht. Die Werkzeugkiste zieht er nun an den Rand des Schotts, bevor er tiefer hinuntersteigt. Als er vollständig in dem Schacht verschwunden ist, stoppt er sein Pfeifen kurz und greift nach oben, um an die Werkzeugkiste zu gelangen.
    Plötzlich bebt das Schiff, und durch den Impuls kippt die Werkzeugkiste Jaques entgegen. Rappelnd und donnernd fällt der schwere Koffer auf Jaques, der völlig überrascht unter der Kiste zusammenbricht. „Merde!“
    Wütend und von Schmerzen gepeinigt schnauft und ächzt Jaques, und das Licht seiner Stirnbandlampe flackert. „Oh, non!“ Dann wird es dunkel.
    Wieder wird das Schiff erschüttert. Und mit einem satten und lauten Knall fällt das Schott zu. Die Schließautomatik surrt und zischt kurz, als sie sich verriegelt. Nach diesem letzten Solo des Schotts erklingen nur die typischen Geräusche der Ventile, Konsolen und Generatoren in den Gängen des Maschinendecks.

    Anders als bei den Schiffen der zivilen Raumfahrt ist der Bug dieses Schiffes schlank und spitz zulaufend. Zahlreiche kleinere, gut abgeschirmte und gepanzerte Sensorphalanxen stechen wie die Borsten eines Pinsels nach vorn aus der Spitze heraus, die ober- und unterhalb der Bugspitze von flach aufliegenden Autokanonen gesäumt werden. Hinter dem Bug bildet ein Endo-Skelett das Grundgerüst dieses Schiffes, das wie horizontal verlaufende Fischgräten den Hauptteil des Schiffes segmentiert. In Acht einzelnen Buchten zwischen den Gräten sind spezielle Container-Module verankert, die unterschiedlichen militärischen Aufgaben dienen. Gut erkennbar sind die zwei mittschiffs verankerten Container, die jeweils mit gerade für diese Schiffsgröße drei beeindruckenden Geschütztürmen zum Rundumschutz ausgestattet sind; zwei weitere Container haben verräterische Verarbeitungen der außenliegenden Wandungen mit Landungslichtern, sodass diese Jägerhangar leicht von den übrigen Containern unterscheidbar sind. Die übrigen vier Container sind einheitlich gestaltet. Allen acht Containern sowie dem Endo-Skelett ist gemein, dass sie solide gepanzert und gesichert sind, um Piraten und Schmugglern eine deutliche Warnung zu sein. Verglichen damit ist die unscheinbare und wichtigste Einheit das Heck, in welchem die klobige Antriebstechnologie verbaut ist und aus der wie ein mahnend erhobener Zeigefinder die Brücke hervorsticht; die Brücke, die Antriebsdiffusoren und die Unterseite sind von ehrfurchtgebietenden Geschützbatterien umgeben. Auf dem Rumpf des Hecks ist in großen weißen Lettern der Name des Schiffs aufgemalt: Ato-Miser 84c.
    Schiffe wie dieses sind typische Fregatten, die auf dem Monolith-Schiffsrumpf basieren. Ihre modularen Komponenten, die geringe Größe des Schiffes und der kostengünstige Unterhalt erlauben es, eine vielseitige und hochgradig flexible Flotte auf diesem Schiffstyp aufbauend zu unterhalten. Die „84c“ sticht damit weder besonders hervor, noch fällt sie durch andere Raster; ausgestattet ist sie wie jede andere Fregatte, die beliebig einsetzbar sein muss, um kurzfristig unter unterschiedlichsten Umständen Aufgaben der Aufklärung und Verfolgung durchführen zu können.
    Die „84c“ gleitet langsam durch den luftleeren Raum und nähert sich ihren Zielkoordinaten. Lediglich die notwendige Außenbeleuchtung ist eingeschaltet. Die Schotts zu den Jägercontainern sind verschlossen.
    XO Lomonosoij behält die Projektion des Hauptmonitors im Auge, während die Brückenbesatzung ihre Befehle befolgt. Angestrengt werden Monitore betrachtet, Scans durchgeführt, der Funk überwacht und das Schiff auf Kurs gebracht. Leise spricht der XO in ein kleines Headset, dessen Sprechkanäle er über einen Terminal steuert. Je nachdem, welchen Kanal er wählt, reagieren einzelne Crewmitglieder und überspielen ihm Informationen auf einen zusätzlichen Projektor; dadurch bleibt die Brückenkommunikation sehr leise und im jeweiligen Zwiegespräch vertraulich.
    Nach einiger Zeit richtet er seine Aufmerksam nahezu vollständig auf den Steuermann und den Def-O. Während der Steuermann die „84c“ in ein riesiges Asteroidenfeld hineinsteuert, kontrolliert der Def-O die Schildsysteme und sowie die Ausweichschub-Systeme, um unmittelbare Kollisionen zu vermeiden. Immer wieder blitzen auf dem Hauptmonitor, der mit den optischen Systemen des Schiffs verknüpft ist und einen Rundumblick um das Schiff herum überträgt, die Schilde auf, wenn kleinere und mittelgroße Felsen auf die Schilde prallen und die Deflektionen induzieren. Elegant manövriert das Schiff um größere Asteroiden herum, indem der Def-O die „84c“ gefühlvoll um die Asteroiden „schraubt“, während der Steuermann über Schub und Trägheit des Schiffs die generelle Flugrichtung kontrolliert.
    Plötzlich flackert auf dem Projektor des XOs eine Anzeige des zweiten Steuermanns auf: „Sir. Wir haben die Koordinaten erreicht.“
    „Aye. Steuermann – Maschinen Stopp. Ltd. Verma, haben sie die Koordinaten und Informationen geprüft?“ Skeptisch betrachtet der XO die Daten auf dem Hauptbildschirm und auf seinem Projektor.
    „Ja, Sir. Wir befinden uns an den Koordinaten, die uns mitgeteilt worden sind. Die Kartenmaterialien sind … Nun …“
    „Ja, Ltd. Verma?“
    „Sir, die Kartenmaterialien müssen veraltet sein. Jedenfalls dürfte dieses Asteroidenfeld hier nicht sein. Also, schon ein …“
    „Ja, was denn nun?“
    „Laut den Karten müsste hier ein Asteroidenfeld sein, welches bereits abschließend kartographiert war. Das Radar hat aber nur etwa 17% Kongruenz festgestellt. Anders, als es in den Datenbanken hinterlegt ist, müssen sich die Asteroiden auf unterschiedlichen Revolutionen um die Sonne befinden, weshalb diese Unterschiede …“
    „Übermitteln sie die Messergebnisse an den Wissenschaftsoffizier. Der soll sie auswerten.“
    „Ja, Sir.“
    „Ltd. Verma – scannen sie nach Telemetrie und prüfen sie mit Funk nach Überlebenssignalen; Steuermann Danton – analysieren Sie das System auf Kollisionsrouten, Schiffssignaturen, FTL- und STL-Schatten; Ltd. Yonkers, bereiten sie eine Kommunikationsdrone der Sicherheitsstufe Y3 vor.“ XO Lomonosoij gibt noch einzelne weitere Befehle, bevor er die Brücke verlässt, um den Captain zu informieren. Die Brückencrew verfällt in reges Treiben.

    „Treten sie ein!“ Der Türfunk verzerrt die Stimme auf brutale Weise, bevor sich nur einen Augenblick später das Schott, angetrieben von schwerfälliger und veralteter Hydraulik, aufschiebt. XO Lomonosoij tritt in die Kajüte des Captains.
    Der alte Seebär liegt entspannt in seiner Koje. Auf seinem Nachttisch werden eine Flasche und mehrere Gläser in Sicherungshalterungen festgehalten. Ein Glas mit einer klaren Flüssigkeit schwenkt er mit seiner rechten Hand, während er in seiner linken Hand ein Lesegerät hält. Der alte Mann schaut auf und winkt den XO zu sich. „Möchten sie was trinken?“
    Der XO nickt kurz und nimmt sich einen Stuhl von einer Sitzgruppe, den er zur Koje stellt. Der Captain schenkt ihm ein wenig ein. „Berichten sie!“
    „Captain, wir sind am Ziel. Aber das alles ist sehr merkwürdig. Wir haben festgestellt, dass das Kartenmaterial ungenau und veraltet ist. Wir sind zwar an den Zielkoordinaten, allerdings ist die Struktur der Asteroiden sehr anders als erwartet. Aktuell suchen wir nach Spuren und Hinweisen nach dem verlorenen Schiff.“
    „Cetadeani?“
    „Weder bei der Ankunft im System mit einem Oberflächenscan noch während des mehrstündigen Flüsterflugs zu den Zielkoordinaten. Nichts Verräterisches laut Sensormessungen.“
    „Piraten? Schmuggler?“
    Der XO zuckt mit den Schultern. „Im Augenblick sieht das wieder nur wie ein Unfall aus.“
    Der Captain nickt einmal kurz. „Möglich. Seit den Verhandlungen um dieses System und die benachbarten Regionen entwickeln die Großkonzerne eine wahre Goldgräberstimmung. Ohne die Systeme zu kennen. Vielleicht ein Unfall, vielleicht locken sie aber auch Unrat an. Dafür sind wir hier.“
    „Ja, Sir.“ Der XO nippt kurz an seinem Glas. „Was ich nicht verstehe … Der zweite Steuermann meinte, die Karten würden veraltet sein. Aber … sie sind datiert auf 2949.“
    Der Captain legt das Lesegerät zur Seite und schaut den XO ausdruckslos an.
    „Es ist so, als wären wir in ein neues System geflogen. Nur wenig Übereinstimmung mit den Karten.“
    „Ich kläre, ob uns falsche Koordinaten übermittelt worden sind.“
    „Sir, dafür habe ich eine Kommunikationsdrohne beauftragt.“
    „Sehr gut. Lomo, legen sie sich schlafen. Sie haben eine lange Schicht hinter sich gebracht. Ich übernehme ab hier.“
    Mit diesen Worten stürzt der XO den Inhalt des Glases in einem Zug runter. Dann erhebt er sich und greint ein „Aye!“, bevor er den Raum verlässt.
    Der alte Seebär steht schließlich auf und legt seine Uniform an. Als er sich seine Mütze vor dem Spiegel aufsetzen will, wird das Schiff von einem heftigen Beben erschüttert. Reflexartig stützt sich der Captain an der Wand ab. Dann folgt ein zweites Beben, und er springt zum Bordfunk. Alarmiert ruft er: „Status?“

    Sgt. Mouton hat in dem kleinstmöglichen Winkel der Brücke ihre eigene Station zur Überwachung der Lebenserhaltungs- und Antriebssysteme. Während sie die Daten des Schiffs im Auge behält, erhält sie eine Funkanfrage von Jaques: „Den?“
    „Ja?“
    „Wie war der Code?“ Die Funkübertragung rauscht und knistert sehr stark.
    Sie verdreht kurz die Augen. „174.“
    „Wie? 1, 7 …?“
    „1. 7. 4.“
    Mit einem Knacken endet der Funk. ‚So ein Idiot. Ich hoffe, er kann die Kühlung stabilisieren, ohne dass wir die Schildsysteme herunterfahren müssen.‘ Sie beobachtet die Anzeigen weiter und beachtet vor allem die für das NCS, das Stickstoffzirkulationssystem. Bei der Anzeige, die die stärksten Fluktuationen in den letzten Stunden registriert hat, leuchtet eine Warnung auf, dass das System einen externen Zugriff verzeichnet. Eine Sicherheitsabfrage bestätigt sie mit der Eingabe des Codes ‚174‘. Dann wird die Anzeige leicht grünlich hervorgehoben.
    Sie hört, wie aus dem vorderen Bereich der Brücke Unruhe aufkommt. Irgendjemand ruft ein ‚Vorsicht‘, bevor es plötzlich hektisch und lebhaft wird. Denise erhebt sich aus ihrem Sitz, um den Grund für die Unruhe mitzubekommen. Allerdings sind verschiedene Terminals und Geländer im Weg; und als dann noch mehrere Brückenmitglieder durch ihr Blickfeld laufen, kann sie nichts erkennen. Es gibt einen grellen Lichtblitz. Panische und gellende Schreie füllen die Brücke. Eine gewaltige Erschütterung erfasst das Schiff. Crewmitglieder werden von ihren Stationen weggeschleudert; nur wenige haben wie Denise das Glück, direkt in einen Sitz zu fallen. Einzelne Terminals reißen aus der Verankerung. Funken sprühen hinter einzelnen Verkleidungen. Die Notbeleuchtung springt an und hüllt alles in ein unheilvolles, rotorangenes Licht. Und ehe Denise begreift, was geschehen ist, ist alles für kurze Zeit erschreckend still. Dann wird das Schiff von einer zweiten schweren Erschütterung geschüttelt. Weitere Terminals sprühen funken und ein Feuer bricht an dem Stand des XOs aus.
    „Status?“ Über Funk brüllt der Captain und löst so die vom Schreck entstandene Lähmung der Brückenbesatzung auf, sodass wieder reges Treiben ausbricht. Ltd. Verma reagiert als erstes und antwortet dem Captain. Währenddessen ruft jemand schmerzverzerrt nach einem Sanitäter, während wieder jemand anderes das Feuer am XO Stand mit einem Handfeuerlöscher bekämpft.
    Denise hat sich von ihrem ersten Schock erholt. Unbewusst greift sie nach einem IDCP, einem independent damage computer protocol, um die Schadensanalyse für ihre Systeme vorzunehmen. Der kleine Terminal startet, nachdem sie sich mit ihrem persönlichen Überbrückungscode legitimiert hat. Aus dem rückwärtigen Teil entnimmt sie ein Kabel, welches sie in einer zentralen Anschlussstelle ihres Arbeitsplatzes steckt. Sofort werden alle Anzeigen ihrer Station außer Funktion gesetzt, und sie kann die Schadensanalysen über das IDCP betreiben. Zu ihrer Erleichterung stellt sie schnell fest, dass alle lebenserhaltenden Systeme sowie die Antriebssysteme ohne nennenswerten Schaden sind. Einzig die Fluktuation in den Kühlsystemen ist weiterhin vorhanden. Als sie gerade an Jaques denken möchte, erscheint auf ihrem Display eine einkommende Nachricht des Captains: „Report?“
    Sie schüttelt sich kurz: „Sir, alle Systeme wie vor … vor … Sir, hatten wir einen Angriff?“
    Das Gesicht des Captains verschwindet wieder. Damit führt Denise einen Protokollierungsbefehl aus, der die Messergebnis an die zentrale Schiffsdatenbank überspielt. Während der Überspielung gibt sie die Standardkontrollen für die Technikstation wieder frei. Nachdem die Übermittlung abgeschlossen ist, meldet sie sich am IDCP wieder ab und verstaut das System an seinem Platz.
    Ein Pfiff erklingt, und ein Offizier ruft: „Captain auf der Brücke!“ Denise springt auf.
    Der Captain und hinter ihm der XO, der sich mit einem medizinischen Tuch eine Platzwunde am Kopf zuhält, betreten die Brücke und bellen Befehle. Einige Befehle verlassen die Brücke und richten sich an weitere Crew-Mitglieder, die auf dem Schiff verteilt sind.

    Die Schmerzen sind unerträglich. Kalt und klebrig fühlt sich das Blut an seinem Nacken an, das von einer Platzwunde am Hinterkopf geflossen ist. Sein rechter Arm ist taub. Als er ihn bewegen möchte, durchfährt ihn ein stechender Schmerz, und er ruft laut aus. Seine Stimme klingt gedämpft und laut in dem Dunkel. Vorsichtig tastet er mit seinem linken Arm um sich und sucht etwas, was ihm Licht spenden kann. Dabei greift er in ein paar Glassplitter, in deren Nähe auch das zylindrische Gehäuse seiner Stirnbandlampe liegt. „Merde.“
    Dann fasst er eine Sprosse einer Leiter. Mühsam zieht er sich an ihr hoch, bis er wieder auf wackligen Beinen steht. Nun holt er das kleine Funkgerät hervor. Erleichtert stellt er an dem Rauschen des Lautsprechers fest, dass es funktioniert; auch kann er in dem Miniaturdisplay Einstellungen zu dem Funkkanal vornehmen. Aber das Antennensymbol zeigt ihm, dass er kein Signal erfasst. „Mon dieu.“
    Er hockt sich wieder hin und tastet nach dem schweren Werkzeugkoffer. Als er ihn zu fassen bekommt, öffnet er den Koffer und sucht darin nach hilfreichen Gegenständen. Und tatsächlich findet er eine kleine Notlampe. Er schaltet sie ein und beleuchtet nun seinen Platz.
    Er befindet sich in einem Wartungsschacht. Neben ihm führt ein weiteres Schott, das mit verschiedenen Warnhinweisen versehen ist, tiefer in den Maschinenbereich. Über ihm befindet sich das Schott, durch das er gestiegen und die Werkzeugkiste gefallen war und das nun erkennbar verriegelt ist.
    Wieder setzt er sich hin und betrachtet seinen rechten Arm. Die Hand ist blau angelaufen. Der Ärmel ist unterhalb des Ellenbogens dunkel verfärbt. Dort ist auch der stechende und atemberaubende Schmerz. Ihm wird bewusst, dass der Arm gebrochen ist. Jaques weiß, dass man zum Entriegeln und Öffnen der oberen Luke zwei gesunde Arme braucht, weshalb es ihm dämmert, dass er nun in diesem Schacht gefangen ist. „Sacre …!“
    Er lässt die Erkenntnisse sacken. Ihm ist speiübel. Ebenso ist ihm nach Schreien. Gleichzeitig weiß er, dass ihn hier unten niemand hören würde. Deshalb pfeift er ein melancholisches Lied.
    Nach einiger Zeit wundert er sich, ob nach ihm gesucht wird. ‚Was, wenn nicht?‘ Ihm kommt große Angst. ‚Was kann ich nur tun?‘ Er liest sich die Warnhinweise auf dem Schott unter ihm durch, obwohl er ihren Inhalt kennt. Er liest sie immer und immer wieder und pfeift dazu seine Melodien. Dabei wird ihm im Wechsel heiß und kalt. Immer verzweifelter hofft er, in den Warnungen und Hinweisen einen versteckten Hinweis auf eine Lösung zu finden.
    Die Hinweise beschreiben, dass dieses untere Schott zu den Leitungssystemen für den Flüssigstickstoffkreislauf führt; die Warnungen handeln davon, dass eine Störung dieser Systeme zu einem kurzfristigen Ausfall unterschiedlicher lebenswichtiger Systeme des Schiffes führen kann. Das Betreten ist nur für autorisiertes Personal gestattet, da Lebensgefahr aufgrund der Gefahren von austretendem Flüssigstickstoff oder anderer Kühlmittel bei unsachgemäßem Umgang mit den Anlagen besteht. Außerdem befinden sich in dem Bereich verschiedene Hochspannungsanlagen.
    Während Jaques pfeift, öffnet er ein kleines Tastaturfeld, über das er die Entriegelung des Schotts durchführen kann. Dann gibt er einen Code ein
    Nichts passiert.

    Während Denise ihre Befehle befolgt, fällt ihr die Warnleuchte für das NCS zunächst nicht auf. Dann aber, als sie die Koordination für einen Bergungsroboter einleiten will, erkennt sie das Blinken als Hinweis auf einen manuellen Zugriff auf das NCS, was sie zögern lässt. Unverzüglich öffnet sie einen Kommunikationskanal zum XO: „Sir! Chief Juspin hat sich gemeldet!“
    „Das wurde aber auch Zeit! Stellen sie ihn durch!“
    „Sir, das geht nicht.“
    „Was?“
    „Er hat einen Autorisierungscode für den Zutritt zum NCS angefordert! Soll ich bestätigen?“
    „Bestätigen sie den Zugang! Ich hoffe, er bringt das schnell in Ordnung!“
    Denise bestätigt den Code, den Jaques eingegeben hat.

    Während er auf das Display schaut, wird ihm bewusst, wie sehr er schwitzt und wie ängstlich er ist. Dann flackert die Anzeige kurz auf, und das Schott regt sich. Anders als das erste Schott wird dieses hier über eine Automatik ohne weiteres Zutun geöffnet. Dabei klappt das Schott langsam in einem Winkel von etwa 50° auf, wodurch man in das Wartungsnetz des NCS gelangen kann. Während sich das Schott öffnet, strömt Jaques eine bittere Kälte entgegen, die ihn unweigerlich zittern lässt. Ihm wird jetzt erst klar, dass er sich möglicherweise in größter Lebensgefahr befindet. Zwar weiß er, dass es typischerweise sehr kalt in diesem Abschnitt ist; aber so eine Kälte kennt er nicht. Unweigerlich steigt die Befürchtung in ihm auf, dass möglicherweise ein Teil der Kühldämmung beschädigt ist; im schlimmsten Fall könnte es auch bedeuten, dass eine Stickstoffleitung beschädigt sein könnte.
    Unter großen Qualen zwängt er sich durch die Öffnung und gelangt so in die langen, schlanken Korridore. Anders als die normalen Wartungsschächte sind hier nicht endlose Kabelbäume und Rohrsysteme auf engstem Raum entlang der Wände, Decken und unter Fußbodengittern verlegt; hier werden gewaltige Flexirohrsysteme magnetisch gelagert, um nicht durch Verformungen im Falle einer Kollision oder anderer Beschädigungen des Schiffes zu bersten. Entsprechend großzügig ist der Platz um das Leitungssystem. Alle Oberflächen sind von einer hauchdünnen Eisschicht überzogen, da in diesem Bereich spezielle Klima- und Enteisungssysteme so wenig Feuchtigkeit wie nur möglich zulassen. Die Wartungskanäle sind hell erleuchtet, um den Technikern die Suche nach Schäden zu vereinfachen. Dieses Schachtsystem ist damit in jeder Hinsicht anders als die üblichen Wartungs- und Versorgungswege, die warm, schwül, überfüllt und irgendwie chaotisch wirken. ‚Mon dieu. Ist das der Himmel?‘
    Dann schleppt sich Jaques den Wartungskorridor in die Richtung entlang, um zu einem der vier redundanten Notkontrollräume zu gelangen, über die Teile oder das gesamte Kühlsystem kontrolliert werden können. Dort wird Jaques auch Bordfunkmittel finden. Schon nach wenigen Schritten bemerkt er aber, wie der Schweiß auf seiner Haut eine Eisschicht bildet. Die Kälte, die er einatmet, beißt in seinen Atemwegen so schmerzhaft, dass er stöhnt. Mühsam kämpft er sich Schritt für Schritt durch den Korridor. Er versucht zu pfeifen; aber schon nach wenigen Yards sind seine Lippen durch die Kälte so unbeweglich, dass er keinen Ton von sich geben kann.

    Denise behält die Anzeigen im Auge. Ihr kommt ein komisches Gefühl. ‚Jaques nimmt zwar einiges auf die leichter Schulter. Aber Fehler? Warum schließt er das Schott nicht wieder?‘ Sie stellt den Funk zum XO wieder her: „Sir. Da stimmt was nicht. Der Chief …“
    „Was ist mit dem Chief.“
    „Er hat das Schott zum NCS entgegen des Wartungsprotokolls offengelassen.“
    „Können sie es nicht fernsteuern und schließen?“
    „Nein, Sir. Aus Sicherheitsgründen wurde ein automatisches Verschließen des unteren Schotts nicht vorgesehen.“
    „Wie bitte?“
    „Sir. Wenn ein Techniker in den Bereich vordringt, muss er selbsttätig das Schott schließen, um nicht automatisch vom System eingesperrt zu werden.“
    „Ich verstehe nicht. Ich sehe nicht, was das Problem ist. Weitermachen!“
    „Aber Sir …“
    „Weitermachen!“ Damit unterbricht der XO den Kontakt.
    Denise hat keine Wahl. Sie koordiniert über Bordfunk die weiteren Techniker, die bei der Bergung und Rettung der Module „Batterie Steuerbord“ und „Hangar Steuerbord“ einerseits sowie den Reparaturen an den Funk- und Sensorstationen am Bug beschäftigt sind. Dabei behält sie die ganze Zeit ein Auge auf dem NCS.

    Die betäubenden Schmerzen und die klirrende Kälte rauben Jaques jede Kraft. Nur mühselig kommt er voran. Aufgrund der Anstrengung muss er sich einmal sogar übergeben, was in ihm blanke Verzweiflung hervorruft. Ihm kommen Tränen und er beginnt zu heulen. Obwohl die Kälte die Schmerzen lindert, verliert er nahezu jedes Gefühl für seine Füße und seine Hände. Sein Atem ist unheimlich schwach, und er hat das Gefühl, dass ihn jede Kraft verlässt. Mutlos schaut er den Korridor in beide Richtungen entlang und fragt sich, welchen Sinn es noch haben könnte, weiterzugehen. ‚Und zurückgehen? Wie weit bin ich denn …? JAQUES! Geh weiter, Du verdammter Hornochse!‘
    Jeds Zeitgefühl ist verloren gegangen. Er setzt stetig, manchmal etwas zögerlich, dann wieder etwas forsch einen Fuß vor den anderen. Sein gesamter Körper zittert immer intensiver, je tiefer die Kälte in ihn eindringt und je intensiver sie auf ihn einwirkt. Das Reiben der linken Hand am mittlerweile mit Eis verkrusteten Bauch oder Beinen und im Gesicht bringt keine Linderung; im Gegenteil verursacht das zusätzliche Schmerzen.
    Dann sieht er eine Sicherheitstür, als er sich abermals aufzugeben droht. Er stolpert weiter durch den Korridor und stützt sich immer wieder haltsuchend an der glatten Wand ab, bis er an der Tür ankommt. Mit seinen tauben Fingern wischt er über die Oberfläche, um die Klappe zu finden, hinter der die Verschlusselektronik geschützt liegt. Eis hat sich um seine Augen herum gebildet. Und ihm kommt der Eindruck, dass es mit jedem Blinzeln mehr Eis wird. Jaques hat große Mühen, überhaupt noch irgendetwas zu erkennen. Dann bleiben die Finger seiner linken Hand an einem kleinen Widerstand hängen. Überglücklich tastet er die Konturen ab, und es gelingt ihm, die kleine Klappe zu öffnen. Dahinter sieht er den Schlitz, in den er seine Identifikationskarte einführen kann.
    Und schließlich schafft er es, in den kleinen Raum einzudringen, der aufgrund der Schutzvorrichtungen der Sicherheitstür leicht temperiert ist. Sofort schießt das Blut wieder in die erfrorenen, äußeren Hautpartien, was einen regelrechten Sturm des Kribbelns und Brennens verursacht; aber auch die Schmerzen in dem rechten Arm kehren schlagartig zurück. Jaques stöhnt gleichermaßen vor Schmerzen und Freuden.
    Erleichtert schlägt er die Tür hinter sich zu. Eine Sensorik des Raumes registriert seine Körperwärme erst nach einem kurzen Moment, und die Beleuchtung im Raum springt an. In diesem Raum befinden sich mehrere Terminals. Hastig stolpert er dort hin und startet die Anlagen, die nach wenigen Sekunden betriebsbereit sind. Er öffnet einen Kommunikationskanal zu Denise. Und als ihr Gesicht im Display auftaucht, lacht er vor Freude tränenreich auf. Denise, die zunächst irritiert ist, ist dann völlig entsetzt: „Jaques? Jaques! Alles OK?“
    Jaques will sprechen; aber die Kälte hat seine Lippen und Gesichtsmuskulatur völlig taub werden lassen; die Laute, die er von sich gibt, sind nicht mehr als stöhnendes Grunzen. Seine Freude schlägt umgehend in schockierte Verbitterung um.
    „Jaques? Alles OK?“ Denise ärgert sich, als sie das fragt; denn die Videoübermittlung sagt alles. „Ich schicke ein Sani-Team los! Bleib da!“
    Jaques starrt auf den Bildschirm und ist völlig perplex und hilflos.

    Statt den XO zu informieren, wendet sich Denise direkt an die Medizinstation: „Wir haben einen Notfall. Zirkulationskontrollraum drei. Dort befindet sich Chief Juspin. Er ist …“
    „Sorry, Sgt. Alle Sanis sind bei der Bergung. Wir haben niemand, der frei ist.“
    „Aber … Aber …“
    „Wir können nichts tun. Out.“
    Denise wird aschfahl. Sie weiß, dass der Sanitäter Recht hat. Sie springt von ihrer Station auf und läuft zum Terminal des XOs, der zahlreiche Befehle weitergibt und Informationen aufnimmt. Neben dem XO steht der Captain, der alles aufmerksam verfolgt und gelegentlich in die Entscheidungen eingreift. Denise salutiert, als der Captain und der XO sie sehen und kurz innehalten. „Bitte um Erlaubnis zu sprechen.“
    Sie bemerkt, wie der XO seine Autorität ausspielen will, aber der Captain kommt ihm zuvor: „Sprechen sie!“
    „Sir, Chief Juspin ist schwer verletzt. Er braucht medizinische Versorgung. Umgehend.“
    „Sgt. Mouton. Sie wissen, dass die Sanitäter vollständig durch die Bergung gebunden sind.“
    „Ja, Sir. Aber der Chief ist der einzige, der das Kühlsystem in Ordnung bringen kann. Ohne medizinische Versorgung wird es nicht nur ihm schlecht gehen.“ Erwartungsvoll schaut sie ihn an.
    Der Captain überlegt über diese Informationen. „Und sie?“
    „Sir?“
    „Können sie das Kühlsystem wieder einsatzbereit machen?“
    „Sir, ich …“
    „Ja oder nein.“
    „Nein, Sir.“ Denise verliert ihren Mut.
    „Wie jedes Mitglied der Crew sind sie in die Erste-Hilfe-Maßnahmen eingewiesen?“
    „Sir, ich … Ja, Sir.“
    „XO, können wir vorerst auf den Sgt. verzichten?“
    XO Lomonosoij schaut den Captain überrascht an. „Nun, äh … Für kurze Zeit, ja. Das ginge.“
    „Sie haben den XO gehört. Was hält sie noch hier auf der Brücke? Suchen sie den Chief auf, versorgen sie ihn und helfen sie ihm, das Kühlsystem zu stabilisieren.“
    Denise möchte sofort loslaufen; aber sie weiß, dass sie allein nicht in das Kühlsystem vordringen kann, weswegen sie vor dem Captain wie angewurzelt stehenbleibt.
    „Gibt’s noch was, Sergeant?“
    „Captain … Der Chief ist in der NCS. Dort kommt man nur rein, wenn an den Zugängen einerseits und andererseits von meiner Technikstation die entsprechenden Zugangscodes eingegeben werden. Außer mir und dem Chief hat niemand diese Codes.“
    „Das heißt, sie können ihm nicht helfen?“
    „Sir, ich … ich weiß, dass ich …“
    XO Lomonosoij zuckt mit seinen Augen, schaut sich kurz um und stellt alle Kommunikationskanäle auf stumm: „Captain, was der Sgt. nicht aussprechen kann, weil es ihm untersagt ist, so eine Bitte zu äußern, ist, dass der Sgt. nur dann alleine ohne die technische Station der Brücke in das System vordringen kann, wenn der Sgt. den Mastercode erhält und mit dem IDCP einsetzt.“ Denise ist erleichtert, dass nicht sie diesen Hinweis geben musste. Sie ist erstaunt, wie offen der XO das anspricht. Er fährt fort: „Wie sie wissen, Captain, ist dieser Code von höchster Geheimhaltungsstufe. Nur sie und ich dürfen den Code kennen. Und sie wissen, dass nach der Doktrin der Admiralität …“
    Der Captain fällt ihm ins Wort. „Sgt. Mouton. Sie haben den XO gehört. Aufgrund der FSA Doktrin der Admiralität von 2884 dürfen der XO und ich sie nicht über den Mastercode 77814 informieren, da wir und sie die Sicherheit unserer Flotte aufs Spiel setzen, wenn sie als rangniedriges Mitglied der Mannschaft mit dem Mastercode 77814 Zuständigkeiten erhalten, die ihnen nicht zustehen.“
    Die Kinnlade des XO fällt für den Bruchteil einer Sekunde, bis er die Fassung wiedergewinnt und den Sgt. Ansieht; so ein schnelles Mitspielen des Captains hatte auch er nicht erwartet: „Sie haben den Captain gehört. Nun, sie sehen übermüdet aus. Ich entlasse sie fürs Erste von der Brücke zur Erholung, Sergeant. Und bei der Gelegenheit nehmen sie das IDCP zur technischen Überprüfung mit!“ Der XO und der Captain wechseln einen kurzen Blick und nicken sich kaum merklich zu.
    Denise steht wie angewurzelt vor den zwei Offizieren. „Worauf warten sie noch?“, wird sie vom Captain angefahren. Daraufhin salutiert sie, eilt zu ihrer Station, um das IDCP an sich zu nehmen. und hastet von der Brücke. Als sie die Brücke verlassen hat, zieht sie ein kleines Datengerät und gibt dort die Zahl ein – 77814.

    Als Jaques seine Augen öffnet, blickt er an die metallene Decke der Medizinstation. Er liegt in einem Bett, und unzählige Schläuche und Bandagen hängen an ihm dran. In der Station sind viele weitere Betten, zum Teil improvisiert, aufgestellt. Alle Patienten sind für den Fall, dass die künstliche Gravitation versagen würde, mit gepolsterten Ringen über der Brust, der Hüfte und den Sprunggelenken an den Füßen gesichert. Es riecht nach Blut, Krankheit und Desinfektionsmittel.
    Eine gewisse Taubheit liegt auf Jaques. Er kann sich nur noch vage an das Gesicht von Denise erinnern. Und an sehr viel Eis. Und Schmerzen, die von einer unerträglichen Müdigkeit begleitet waren. Langsam dreht er seinen Kopf. Dabei fällt sein Blick auf einen bärigen Mann, der auf einem Stuhl neben seinem Bett ein Nickerchen hält. Jaques erkennt die Abzeichen des Captains an der Uniform. ‚Ich bin im Himmel … Das also ist es …‘
    Er hört, wie jemand näher kommt. Mit zügigen Schritten kommt der Stationsarzt direkt an sein Bett. In seiner Hand hält er ein Datengerät, das er aufmerksam mustert. Am Bett legt er das Gerät zur Seite und fühlt auf altmodische Weise den Puls an der linken Hand und am Hals von Jaques. „Chief. Wie ich sehe, sind sie wach.“
    Der Arzt gibt sich keine Mühe, besonders leise oder vorsichtig zu sprechen. Ihm ist anzumerken, wie sehr er unter Zeitdruck steht. Durch ihn wird der Captain wach.
    „Was haben sie bloß angestellt, Chief? Gebrochener Arm, verschiedene Folgeschäden aufgrund von Erfrierung … Und das auf einem supermodernen Kriegsschiff der FSA. Aber sie haben überlebt. Schlechte Nachrichten, mein Freund: Die Schäden reichen nicht für eine Frührente …“ Mit diesen Worten nickt der Doktor einmal kurz zum Captain und verlässt dann die Krankenstation.
    Jaques weiß nicht, wie er mit dieser Information umgehen soll. Und während er noch grübelt, richtet sich der Captain kurz auf, zieht seine Uniform glatt und salutiert kurz vor dem Chief. „Chief, es ist mir eine Ehre. Was sie geschafft haben, ist unglaublich. Ich wollte mich bei Ihnen noch persönlich bedanken – auch im Namen der Crew. Ohne sie wär‘ es Sgt. Mouton nicht gelungen, das primäre Kühlsystem zu stabilisieren. Sie sind ein Held. Ohne sie wär unser Schiff möglicherweise zerstört worden.“
    Jaques versucht zu sprechen. Jetzt erst realisiert er, dass ihm ein Ernährungs- und ein Beatmungsschlauch im Hals stecken. ‚Wovon, zur Hölle sprechen die?‘
    „Sie sind immer noch an Bord der „84c“. Und es würde mich freuen, dass sie an Bord meines Schiffs bleiben, wenn sie sich erholt haben. Der Admiralität habe ich empfohlen, sie und Sgt. Mouton für den Weißen FSA Zwerg vorzuschlagen. Nun aber … Gute Besserung.“ Damit salutiert der Captain und verlässt die Krankenstation.
    ‚Bitte, lass‘ das einen Traum sein …‘ Damit schließt Jaques seine Augen und fällt in einen tiefen, traumlosen Schlummer – begleitet vom rhythmischen und gleichförmigen Piepen der medizinischen Geräte.

    #2439
    Fred_Krug
    Mitglied

    Pressekonferenz auf Orbitalstation „Titus“
    System Tian Two über Planet HGS1Y91-5, 10. Zyklus 2948, Tag 7, in FSA Stunde 8 Minute 25

    Colonel Peter Rime, 14. Sektorgeschwader der FSA Sentinels

    „Ladies and Gentlemen,

    vielen Dank, dass Sie so zahlreich zum Quartals-Bericht des Sektorgeschwaders erschienen sind. Der Bericht, wie ich ihn hier verlese, ist im Wesentlichen wortgleich dem SC sowie dem Ministerium für Verteidigung und der Raumtransferordnung unter der Leitung von General und Ministerin Prof. Dr. Christle Godwhistle zugestellt worden. Informationen, die besondere Sicherheitsrelevanz haben, werden der Öffentlichkeit gemäß FSA Doktrin Def-Sec-17A von 2897 in der aktualisierten Fassung von 2938 nicht zugänglich gemacht. Wir bitten dafür um Verständnis. Das, was heute hier erklärt wird, wird mit Zustimmung von General Miss Godwhistle verlesen und betrifft ausschließlich Beobachtungen, Erhebungen und Aktivitäten des 14. Sektorgeschwaders der FSA Sentinels, die sowohl für allgemeine polizeiliche Aufklärungsarbeiten im Raumflug der FSA als auch bei der Ermittlung, Aufklärung und Bekämpfung krimineller Aktivitäten im FSA Raumflug eingesetzt werden.
    Dabei werde ich wie folgt vorgehen:
    1. Ich stelle ihnen die historischen Hintergründe der Aufgabendefinition des 14. Sektorgeschwaders der FSA Sentinels dar;
    2. anschließend werden die Herausforderung der FSA Sentinels in den Einsatzgebieten präsentiert;
    3. die dringlichsten Sicherheits- und Ordnungsfälle werden aufgelistet;
    4. darauf erfolgt eine Darstellung geplanter Aktivitäten des 14. Geschwaders für die nähere Zukunft, und dann
    5. schließe ich mit Handlungsempfehlungen an den freien Raumflug der FSA ab.
    Danach stehen ich hier und mein Beraterstab über Vidkom Ihnen für weitere Fragen im Rahmen dieser Pressekonferenz zur Verfügung.

    1. Die historischen Hintergründe

    Die jüngsten historischen Entwicklungen, meine Damen und Herren, umfassen die Verhandlungen zwischen der FSA einerseits und dem Cetadeani Bund andererseits. Wie Ihnen bekannt ist, stehen wir Menschen mit den Völkern des Cetadeanischen Bundes in einem bereits längere Zeit andauernden Austausch von Waren und politischen Angleichungen. Im Zuge dieser Verhandlungen hat der Cetadeanische Bund die kolonialen Bemühungen der USC im Allgemeinen und der FSA im Besonderen positiv gewürdigt. Und obgleich einzelne Völker des Cetadeanischen Bundes in unmittelbarer Nähe zum Gebiet der FSA kritische Töne anklingen ließen, entschied der Cetadeanische Bund 2943, dass die FSA eine nicht unerhebliche Anzahl an weiteren Sonnensystemen erschließen dürfen sollen.
    Dies erfolgte unter mehreren Auflagen.
    Die erste Auflage ist, dass einige dieser Systeme nicht mit Methoden der Terraformung kolonialisiert werden dürfen, um potentielle politische und wirtschaftliche Konflikte zwischen den Menschen einerseits und zum Beispiel den Kritagern, den Ju’Umiten sowie insbesondere der ar’Serx’Ursriden andererseits entlang der Grenzgebiete zu vermeiden. Stattdessen sollen die betreffenden Systeme ausschließlich wirtschaftlich erschlossen werden können.
    Die zweite Auflage betrifft diese wirtschaftliche Erschließlung, dass nämlich die einzigen für die Wirtschaft notwendigen Niederlassungen Orbitalstationen sein sollen, von denen ausgehend agraische, rohstoffördernde und montanindustrielle Aktivititäten ausgehen dürfen.
    Die dritte Auflage betrifft den Umgfang militärischer Aktivitäten. Als höchstes Maß militärischer Mittel dürfen lediglich leichte militärische Verbände in begrenzter Tonnage eingesetzt werden, um ausschließlich die Orbitalstationen, die Gebiete wirtschaftlicher Nutzung sowie die Raumflugwege zu sichern oder polizeiliche Aufgaben zu erfüllen.
    Die vierte Auflage umfasst die Erlaubnis zugunsten des Cetadeanischen Bundes, jeden beliebigen Flottenverband durch das Gebiet kreuzen lassen zu dürfen. Dieser nach wie vor umstrittene Punkt ist ein Zugeständnis an die Cetadeani, durch die die Bemühungen und Festigungen innerhalb der USC nicht durch außenpolitischen Druck insbesondere der Cetadeani behindert würden.
    Die fünfte Auflage betrifft die Errichtung von Freihandelshäfen, die von Unternehmungen und diplomatischen Corps der FSA eingerichtet und unterhalten werden und ausschließlich von Cetadeanischen Militär- und Ordnugnsverbänden gesichert werden dürfen.
    Im Folgenden behandelt der Bericht ausschließlich die Systeme HSG1Y90 bis HGS1Y94, die der Öffentlichkeit als Tian One bis Tian Five bekannt sind. Diese fünf Systeme gehören zu denjenigen 149 Sonnensystemen und stellaren Gebieten, die als Teil des geduldeten Expansionsgebietes in die Region der FSA fallen.

    Nach diesen kurzen Ausführungen zu dem allgemeinen Gebiet, lassen sie mich bitte noch kurz auf die historische Entwicklung unserer militärischen Präsenz in diesen Gebieten eingehen.
    Entsprechend der Auflagen des Cetadeanischen Bundes gegenüber der USC und der FSA haben ausschließlich militärische Verbände der FSA die neuen Gebiete erschlossen, da die FSA anders als die USC ihre militärische Stärke in insbesondere flexiblen und vielseitigen leichten Verbänden sieht. Dabei wurden zunächst provisorische Riftlandezonen in den fraglichen Systemen etabliert; und in diesen Riftlandezonen wurden provisorische Raum-Handelsbasen verschiedener Unternehmen und nichtstaatlicher Organisationen errichtet, von denen ausgehend dann innerhalb der Systeme an ausgewählten Planeten oder Planetoiden Orbitalstationen errichtet worden sind. Diese dienen auch heute noch der Grundversorgung von Schiffen.
    Anfangs patrollierten lediglich leichte Kreuzer der FSA Streitkräfte zwischen den Systemen; aufgrund der Limitierung in Tonnage war dies aber nicht ausreichend, weshalb innerhalb der Systeme Fregatten- und Jägerverbände stationiert werden mussten, die aufgrund der kleineren Einheiten weitaus flexibler insbesondere auf örtliche Probleme eingehen konnten. Bereits seit 2944 stehen das 3., 6., 7., 11. und 17. Sektorgeschwader der FSA Sentinels bereit, die dabei dem jeweiligen Befehl der Konzerne unterstellt worden sind, in deren Stationen sie stationiert worden sind.
    Das 14. Sektorgeschwader wurde mit der Entscheidung HGS1-DS14E am 2. Zyklus 2948, Tag 11 des Minisiteriums für Verteidigung und der Raumtransferordnung befohlen und autorisiert, ihre Tätigkeiten ausschließlich auf die Systeme HGS1Y90 bis HGS1Y94 zu beschränken. Sie dient der Verstärkung der bereits vorhandenen Verbände und ist an die lokalen Sondergesetze nicht gebunden sondern unterliegt ausschließlich meinem Kommando in Erfüllung meiner Pflichten aus den Regelungen, wie sie aus dem Ministerium für Verteidigung und der Raumtransferordnung vorgegeben werden.
    Die Entscheidung HGS1-DS14E war die nötige Reaktion auf mehrere Entwicklungen der letzten zwei Jahre, denen die Verbände 3, 6, 7, 11 und 17 zunehmend nicht mehr gewachsen waren und sind. Um diese Herausforderungen soll es nun im Weiteren gehen.

    2. Die Herausforderungen in HGS1Y90-94

    Seitdem die unterschiedlichen Unternehmungen, Freihändler, Zivilpersonen, Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen und gemeinnützigen Organisationen zunehmend in die Gebiete HGS1Y90-94 vorgedrungen sind, hat der Raumflugverkehr binnen weniger Zyklen zugenommen. Vor allem HGS1Y92 und HGS1Y93, also Tian Three und Tian Four, erwiesen sich bis jetzt als besonders reizvoll, was einiger Erklärungen bedarf.
    Die Sonnen dieser Systeme und ihre jeweils geringe Anzahl an Planeten einerseits sowie die verhältnismäßig umfangreichen Planetoidengebiete und Abgeschiedenheit von dem vollwertigen Gebiet der USC sprechen grundsätzlich zunächst gegen eine extensive Erschließung dieser Systeme. Allerdings haben Wissenschaftler und Raumforscher bereits viele Jahre vor 2942 festgestellt, dass diese Systeme sich durch extrem reine Erzvorkommen auszeichnen, weshalb die Verhandlungen mit dem Cetadeanischen Bund in Bezug auf diese Systeme regelrecht forciert worden sind und glücklicherweise auf wenig beharrliche Reaktionen gestoßen sind. Angesichts der weiterhin notwendigen Wiederaufbauaktivitäten der USC haben diese Systeme daher als Ressourcenquellen eine sehr hohe Attraktivität – vor allem für Wirtschaftsunternehmen.
    Das hat zur Folge, dass große Konzerne und eher kleine Unternehmungen zahlreiche Investititionen in diesen Gebieten vornehmen und dabei konsequent Orbitalstationen oder Riftsektorstationen einrichten, von denen ausgehend sie in die Erzgebiete vordringen und dort Rohstoffe fördern.
    Der natürliche Effekt war schon frühzeitig, dass dies auch Konzernkriege und Piraterie in hohem Ausmaß mit sich gebracht hatte. Daher wurde der ursprüngliche patrollierende Flottenverband durch lokale Sektorgeschwader ausgetauscht.
    Wie sie an dieser Grafik sehen können, bremst dies tatsächlich von 2945 bis 47 die Entwicklung der Priaterie; seitdem aber in 46 insbesondere die Großkonzerne einen massiven Ausbau ihrer Orbitalstationen in Tian Three und Four vorangetrieben haben, sind in diesen zwei Systemen die Raten krimineller Aktivitäten seit Mitte 47 explosionsartig angestiegen. Die dortigen Sektorgeschwader waren personell und vom Material her nicht in der Lage, den gestiegenen Anforderungen des Raumverkehrs zu genügen.
    Daher lautet der Befehl auf Grundlage von HGS1-DS14E, der grundsätzlich die militärischen und polizeilichen Aufgaben für die fünf Tian-Systeme umfasst, vor allem mit höherer Priorität HGS1Y92 und HGS1Y93 zu patrollieren und zu kontrollieren.
    Im Detail bedeutet dies unabhängig von lokalen Bestimmungen eigenständige Ermittlungen durchzuführen und ebenso mit verminderten Anforderungen scharfe Munition zur Abschreckung einzusetzen. Der Schutz der Zivilbevölkerung sowie ihrer Güter wird für das 14. Sektorgeschwader der FSA-Sentinels höher angesetzt als für die stationären Verbände.“
    Ein Raunen setzt im Publikum ein. Colonel Rime trinkt einen Schluck Wasser und ignoriert das Raunen gelassen. „Wenn sie so wollen: Die lokalen Verbände kontrollieren den Verkehr, das 14. bekämpft die organisierte Kriminalität im weiteren Sinne.“ Das Raunen wird etwas stärker.
    Jetzt schaut Coloenl Rime kurz auf und zeigt etwas überspielt seine Verwunderung. „Bitte, meine Damen und Herren. Vor einem Jahren saßen sie hier und hielten ebenso wie breite Teile der betroffenen Bevölkerung der FSA sowie der USC vor, nichts zu unternehmen. Bitte, lassen sie mich daher fortsetzen. Im Fragenteil können wir Einzelfragen versuchen zu beantworten.“ Colonel Rime räuspert sich.
    „Neben diesen Piraterie- und Konzernkriegsfällen, deren Umfang vor allem große Mengen an Ressourcen kostete, gab es und gibt es nach wie vor Aussagen von Überlebenden bzw. Auswertungen von Telemetrie-Daten, die eine beunruhigende Deutung mit sich bringen. Neben der Bekämpfung der Piraterie und der Konzernkriege stand und steht das 14. Sektorgeschwader also einer weiteren Verantwortung gegenüber. Sie erinnern sich, dass ich ihnen die besonderen Sicherheitsfragen kurz skizzieren wollte. An diesem Punkt sind wir eben angekommen.

    3. Besondere Sicherheitsfragen

    Die Schärfe, mit denen Konzernkriege geführt werden, ist besorgniserregend. Auffällig ist allem voran, das in der jüngeren Vergangenheit mehrfach Piraten aufgegriffen worden sind, die Kontakte zu Mitgliedern von Konzernen in Schlüsselpositionen gepflegt haben sollen. Wir sprechen also nicht von klassischer unorganisierter Piraterie, sondern von organisiertem, modernen Weltraum-Freibeutertum.
    Dementsprechend begrenzt sich die Piraterie nicht wie vor wenigen Jahren auf kleine Gruppierungen, die Schutzlosigkeiten ausgenutzt haben. Vielmehr blicken wir auf komplexe Strukturen, die auch technologisch in gewisser Weise stark ausgebaut worden sind.
    In diesen zwei Tätigkeitsbereichen nimmt die 14. die 7. und 11. besonders in die Pflicht, indem diese lokalen Verbände die Verkehrswege stärker kontrollieren müssen.
    Weitaus problematischer ist, dass die Zahl verschollener Schiffe und unerklärter Zerstörungen im großen Umfang insbesondere in HGS1Y92, erlauben sie bitte das Wort „dramatisch“ zugenommen haben. Zwar gibt es einzelne Stimmen, die betonen, dies sei auf den angewachsenen Schiffsverkehr zurückzuführen; dagegen spricht aber, dass gestiegener Schiffsverkehr und etablierte Sicherheitskräfte zügiger Bergungen vornehmen können. Dagegen spricht auch, dass verschiedene Auswertungen Riftsignaturen größeren Umfangs aufgezeigt haben, deren Ursprung nicht im Raum der USC liegen kann.“
    Colonel Rimes setzt kurz ab. Diese Worte haben die Wirkung, die er erhofft hat. Das Raunen von vor wenigen Minuten wird durch Zwischenrufe und erste aufgeworfene Fragen durchbrochen.
    Er lässt dem Publikum ein wenig Zeit, diesen Eindruck zu verarbeiten und setzt dann fort. „Bitte, meine Damen und Herren. An Spekulationen werden wir uns nicht beteiligen. Aber an dieser Stelle ist evident, dass das 14. Sektorgeschwader der FSA Sentinels sich nicht bloß Piraterie und einfachen Raumverkehrsverstößen oder industrieller Kriminalität gegenüber sieht.
    Daraus ergeben sich folgende strategischen Empfehlungen, die ich gegenüber General Miss Godwhistle angesprochen habe und die in Befehlsform umgesetzt werden.

    4. Aussicht für Q4 in 2948 und 2949

    Zunächst werden zusätzliche Mittel eingesetzt, um die 14. aufzurüsten. Die Aufrüstung orientiert sich dabei an der potentiellen Bewaffung der privaten Sicherheitskräfte und der Piraten. Ziel ist es dabei, keine Gefangenen zu machen. Dies kann logistisch nicht geleistet werden. Allerdings wird die 14. hier die Schäden kleinhalten und den lokalen Verbänden die Möglichkeit des Zugriffs auf verantwortliche Personen bzw. Einrichtungen einräumen.
    Das bedeutet auch, dass das Primärziel der 14. nicht ist, aktiv gegen die Gefahren vorzugehen. Höchste Priorität hat die sorgfältige Erforschung des Raums, die Bergung und Auswertung gefundener Wracks und der gezielte Schlag gegen entsprechende Einrichtungen. Genauere Angaben, um ihren Fragen vorzugreifen, können wir hierzu nicht vornehmen.
    Um die 14. vernünftig ausstatten zu können, werden mehrere übergreifende alternative Riftstrecken mit Zwischenstationen eingerichtet, deren Anfangspunkte im Gebiet der FSA und jenseits dieses limitierten Koloniebereichs liegen. Da wir keine mittelschweren und schweren Verbände in die Gebiete schicken dürfen und können, wollen wir diese an diesen Ausgangspunkten für Eskalationsstufen bereithalten, um im absoluten Notfall die 14. unterstützen zu können. Vor allem aber dienen diese Verstärkungen dazu, dass die 14. zügig Personal und Material auffrischen kann.
    Das bedeutet, dass die 14. in zwei gleichgroße Verbände aufgesplittet werden, um eine kontinuierliche, großflächige und zielgerichtete Operation zu ermöglichen. Meine Damen und Herren, entsprechend der Beschlüsse und Ziele von HGS1-DS14E versteht sich die FSA in der Pflicht, mit aller Härte und Konsequenz, die Freiheit der Einwohner der FSA zu schützen – auch und gerade dann, wenn diese Einwohner in Gebieten ihren Lebensmittelpunkt haben, die aufgrund völkerrechtlicher Verträge nur in begrenztem Umfang von uns geschützt und verteidigt werden können.

    5. Empfehlungen an zivilen Raumverkehr

    Sie sehen aus diesen Ausführungen, dass mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen und die Ziele, die wir uns für das 14. Sektorgeschwader der FSA Sentinels gesetzt haben, die zivilen Schiffe ebenfalls handeln werden müssen. Durch die fokussierten Operationen und die Konzentration auf bestimmte Aufgaben kann der individuelle Schutz zukünftig nicht so gewährleistet werden, wie er in der Vergangenheit noch üblich oder denkbar gewesen sein mag. Daraus ergibt sich, dass die zivile Raumfahrt hier im Bereich passiver Verteidigung ohne umfangreiche Investitionen einiges unternehmen kann, um sich gegen die spezifischen Gefahren der Piraten und der Konzernübergriffe zu schützen.
    Diese Angreifer zielen in aller Regel darauf ab, Fracht oder sogar ganze Schiffe zu stehlen. Erfreulicherweise ist die Zahl tödlicher Übergriffe und Angriffe sehr niedrig. Um Schiffe und Fracht zu stehlen, setzen die Angreifer üblicherweise auf Schrappnellgeschosse, um Antriebssysteme zu zerstören. Bei diesen Waffensystemen kommt es auf keine besondere Zielgenauigkeit an; auch sind die Schäden vergleichsweise klein und selten verheerend für Personen oder Fracht, da die Schrappnelle in erster Linie nur außenliegende Elemente von Schiffen beschädigen können. Infolge dessen empfielt es sich, zum Beispiel Plastoflexnernetze zum Schutz der Antriebstechnologien zu verwenden.“ Im Publikum lacht jemand kurz auf. Colonel Rime schaut irritiert und finster auf, setzt dann aber fort.
    „Weiterhin ist es selbstredend, dass solche Angreifer Telemetrie und Funkverkehr mit beeindruckender Technik zu stören wissen; dadurch können die Ziele und Opfer in aller Regel keine Hilferufe aussenden. Es empfiehlt sich gerade in diesem Bereich, leistugnsfähigere Systeme zu verbauen und einzusetzen.
    Daran knüpft sich auch die Empfehlung, die häufig wirtschaftlich weniger attraktiven Gebiete und Routen zu wählen, da diese im Rahmen der Möglichkeiten lokaler Militärverbände besser geschützt werden können. Die meisten Fälle verschollener und überfallener Schiffe und Stationen sind solche, die sich abseits üblicher Handelswege befinden.
    Meine Damen und Herren. Das Ministerium für Verteidiung und Raumtransferordnung bietet verschiedene Kooperationen und Informationsmaterialien sowie einen umfangreichen Beraterstab mit hoher Qualifikation in technologischen Fragen an. Nutzen sie diese für gezielte Einzelfragen.
    Zum Abschluss meines Vortrages lassen sie mich nur kurz diese Worte noch verlieren: Tian Three und Tian Four sind für die kommenden Jahrzehnte eine sichere und solide Quelle für die Entwicklung und den Wiederaufbau unserer Zivilisation. Die dortigen Ressourcen geben uns die nötige Stärke, uns in das Gefüge der Weltraumvölker beständig und solide einzufügen und uns in unserem Selbstverständnis zu kräftigen. Piraterie und falschverstandener Wettbewerb einerseits, die Anfälligkeit für falsche Ratschläge von außen andererseits helfen uns in der FSA, uns allen in der USC nicht weiter. Die Gesamtumstände, wie ich sie hier geschildert habe, werfen viele Fragen auf, von denen ich mir sicher bin, dass wir sie heute nicht, bzw. noch nicht, beantworten können. Aber auf eine Frage können wir schon jetzt eine zutreffende Antwort und Aussage finden. Nämlich auf die Frage, wie wir all das schaffen wollen. Indem wir nämlich zusammenstehen und einander vertrauen. Aus diesem Grund vertraut das 14. Sektorgeschwader der FSA Sentinels darauf, dass ich Ihnen heute hier im Allgemeinen, aber nicht im Detail Rede und Antwort stehe, um die Missionen nicht zu gefährden, die wir fliegen müssen, die von jungen Frauen und Männern in Aufopferung für unser gemeinsamens und einiges Volk und unser Bestehen als Gesamtheit geflogen werden. Missionen, meine Damen und Herren, die auch dazu dienen, ihrer und unser aller Leben und Überleben zu sichern und zu bewahren.
    Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Ab jetzt stehe ich ihnen gerne für Fragen zur Verfügung.“

Ansicht von 6 Beiträgen - 1 bis 6 (von insgesamt 6)
  • Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.