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    Fred_Krug
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    Hi.

    Urs Meyer (Germanist und Philosoph) lässt sich in der Reclam Ausgabe 18187 „Kleine literarische Formen in Einzeldarstellungen“ zum Thema „Kurz- und Kürzestgeschichten“ zitieren.

    Ohne optisch seinen Text zu untergliedern, lässt sich der Textfluss gleichwohl in sechs Abschnitte strukturieren:

    Abschnitt 1 (S. 124 – 126) Einleitung
    Abschnitt 2 (S. 126 – 128) Notwendige Merkmale
    Abschnitt 3 (S. 128 – 130) Zusätzliche, aber nicht zwingende Charakteristika
    Abschnitt 4 (S. 130 – 132) Abgrenzung zu anderen literarischen Kurzformen
    Abschnitt 5 (S. 132 – 142) Historische Entwicklung der Kurzgeschichten anhand zahlreicher Beispiele
    Abschnitt 6 (S. 142 – 144) Kürzestgeschichten

    In Abschnitt 1 führt Meyer aus, warum „Kurzgeschichte“ nicht „kurz“ im Sinne einer kleinen, in Seiten und Zeilen messbaren Erzählform ist. Die wiederholte Darstellung, Kurzgeschichten seien „in einer Sitzung, ohne aufstehen zu müssen“ zu lesen, treffe den Kern der Kurzgeschichten nicht; gleichwohl zitiert urs Meyer einen Literaturwissenschaftler, der ‚8 Seiten‘ als durchschnittliche Länge analyisiert haben will. Die Wurzeln der Kurzgeschichten jedenfalls finden sich auch für die deutsche Kurzgeschichte in den englischen „short stories“ des – insbesondere ausgehenden – 19. Jahrhunderts sowie vor allem der amerikanischen „Short Stories“ in der 50er und 60er Jahre. (Ich habe dies anhand verschiedener Literaturnachschlagewerke recherchiert und diese Unterscheidung englisch <> amerikanisch so deutlich nicht gefunden, da die Übergänge sehr fließend sind; bei diesen Recherchen habe ich die „eco short stories“ gefunden, die sich als Unter-Gattung mit einem hohen Science Fiction Bezug herausgebildet hat.). Der Abschnitt 1 endet mit dieser Definition:

    Eine Kurzgeschichte in diesem engen Sinn eines Idealtypus ist ein erzähltechnisch konziser, sprachlich ökonomisch angelegter, konzeptionell fragmentarischer, einperspektivischer, (und in seiner strengsten Form auch einepisodischer), episch-fiktionaler, aber nicht durchgängig uneigentlicher (>bildlicher< ) Prosatext, der eine zum Publikationszeitpunkt aktuelle Alltagssituation pars pro toto so zur Darstellung bringt, dass sie auf den verallgemeinerbaren Hintersinn einer anthropologischen "Grenzsituation" (im Sinne von Karl Jaspers) verweist."

    Alles klar? Und da sag‘ mir noch mal jemand, Juristen drücken sich kompliziert aus …

    In Anlehnung an diese Definition stellt Meyer heraus, dass es notwendige Elemente gibt, die die Idealtypische Kurzgeschichte charakterisieren (Abschnitt 2), während gleichzeitig auch weitere Merkmale regelmäßig, aber nicht zwingend auftreten (Abschnitt 3). Diese seien hier in aller gebotenen Kürze dargestellt.

    Abschnitt 2:

    a) Der zugrunde liegende Erzählstrang bleibt autonom und abgeschlossen. Es gibt keine episodische Makrostruktur. Die Kurzgeschichte steht für sich allein.
    b) Die Kurzgeschichte ist fiktional. Die Themen der Kurzgeschichte bilden ab, was empirisch mögliche Realität sein könnte, welche stets in episch-fiktiver Gestalt präsentiert wird.
    c) Die Kurzgeschichte ist nicht uneigentlich. Ein literarischer Text gilt als uneigentlich, wenn seine Interpretation es erforderlich macht, den primären Sinn in eine ganz andere Richtung zu überführen – wie etwa bei Fabeln oder Parabeln. Nicht so bei Kurzgeschichten. Gleichwohl ist die Kurzgeschichte >doppelbödig< , aber nicht direkt moralisierend, sondern verallgemeinerbar und möglicherweise sogar mehrdeutig. Abschnitt 3:

    a) Die Erzählperspektive ist überwiegend personal (auf die Hauptfigur bezogen und aus seiner Perspektive) oder neutral (allwissender Erzähler über den Dingen), häufig auch szenisch, eher selten Dialogform. Der Blickwinkel bleibt stets einperspektivisch und wechselt nicht.
    b) Anfang und Ende sind häufig abrupt; die Kurzgeschichte beginnt damit in medias res und lässt den Leser typischerweise ohne Lösung zurück, was zum Nachdenken anregen soll. Die Kurzgeschichte ist pointiert in Hinblick auf Wendepunkte der Handlung, aber regelmäßig nicht zum Abschluss. Charakteristisch ist dabei die Fragmentarizität der Geschichte.
    c) Die Kurzgeschichte zeichnet sich regelmäßig durch „Zeitraffer“ aus. Die Erzählzeit ist im Vergleich zur Erzählten Zeit meist identisch oder erheblich kürzer.
    d) Daran knüpft die Ökonomie der Sprache an – Ortswechsel und Anzahl Figuren sind ebenso selten oder klein, wie sich die Sprache dem Gesetz der Einfachheit und Ökonomie unterwirft; die Sprachform ist geprägt von umgangssprachlichem Konversationsstil, einfacher Syntax, alltäglicher Sprache …
    Wie geschrieben: Diese vier Punkte müssen nicht vorliegen, tun sie aber trotzdem häufig …

    Im Wesentlichen spiegeln die Ausführungen Urs Meyers das wider, was die ‚jüngere‘ literaturhistorische Entwicklung der Kurzgeschichten im angloamerikanischen Sprachraum hergibt. geht man aber in die Anfänge der „short stories“ zurück, verschwimmen die Grenzen zu anderen Erzählformen deutlich bzw. lassen sich altmodische Erzählstrukturen (Exposition, Komplikation, Klimax/ Konflikt, Lösung) oder blumige sowie symbolträchtige Sprachen etc. erkennen.

    In der Tat gilt nach wie vor für Kurzgeschichten, dass sie bezogen auf Sprach- und Literaturformen weitgehend „offen“ und flexibel sind; gleichwohl ist die Gattung der Kurzgeschichte in aller Regel an dem zu erkennen, was Urs Meyer in den Abschnitten 2 (zwingend) und 3 (optional) dargestellt hat.

    Vielleicht hilft diese geraffte Darstellung ein wenig.

    Bets wishes!
    Fred

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