Carbon Helix

Es war gegen 27 Uhr*, als Helix in das düstere Straßenlabyrinth eintauchte. Eigenartig, wie ihn das Leben in den Schatten des Metroplex in den letzten Monaten dazu zwang nachts aktiv zu werden.

Eine ganze Weile ist es schon her, als er zuletzt gezwungen war eine Waffe bei sich zu tragen, wenn er die Absicht hatte durch die Stadt zu ziehen und das Gefühl jenes massive Gewicht der Waffe unter seiner Achsel zu tragen war auf seine besondere Weise beunruhigend. Der schwere Ledermantel den Helix über der Solo trug drückte die Waffe so an seinen Oberkörper, das er sie durch die keramischen Einsätze seines Kevlaranzuges hindurch spüren konnte.

Der Tag war ziemlich heiß und die hereinbrechende Nacht versprach einen abkühlenden Regen und eine kühle neblige Nacht. Helix wußte das nicht, aber da war dieses Frösteln, das das Rückgrad hinaufklettert, eine Gänsehaut auf den Armen hervor rief und die Nackenhaare aufrichtete.

Eine innere Stimme sagte ihm das Ärger in der Luft lag. Die Pitt Street war menschenleer. Kaufhäuser, Boutiquen und Supermäkte, Straßencafés und Reisebüros waren geschlossen. Nur die einsam schillernde Neonwelt der Nacht belebte die Straßen.

Haushohe hologrphische Leinwände durch die der individualverkehr in der Luft hindurch fliegen konnte, ganze Hochhauswände die mit einer Batterie animierter Werbeflächen ausgestattet waren und ganz weit oben, in einem halben oder einem Kilometer höhe, wo die Dächer der gigantischen Gebäude sich zu berühren schinen glimmte das Licht von dreien der sieben Monde Altaras ashgrau herab, diffus reflektiert von zu teil verspiegelten Fassaden mächtiger Bürogebäude. Das Quäntchen das davon die Straßenebene erreichte wurde überstrahlt von Werbebotschaften der augmentierten Wirklichkeit New Sydneys.

Verkehr gab es nicht besonders viel an der Oberfläche. Vielleicht war er dichter auf einer der unter ihm liegenden Subebenen die sich gleich gigantischer Parkhäuser durch die ganze Innenstadt zogen, oft bis zu fünft Ebenen unter der Oberfläche. Diese stammen aus der Geschichte der Stadtentwicklung, als die Straßen durch Überlastung zunehmend verstopften und man einfach aufgeständerte Verkehrswege darüber baute. Später schufen die Stadtplaner Verbindungen zu den seitlich stehenden Gebäuden, um Bushaltestellen und Hochbahnstationen ohne aufwendige Konstruktionen in die bestehende Infrastruktur zu integrieren. Noch etwas später wurden die Lücken geschlossen und eine neue geschlossene Oberfläche entstand. Dies wiederholte sich an einigen Stellen bis zu fünf mal und der Underground war geboren. Architektonisch hervorheben kann man zum Beispiel die Glasklippen von Laguna Beach, wo die bis an die Küste reichenden Undergroundebenen mit einer Glasfassade abgeschlossen worden sind.

Die wenigen Aeros deren Scheinwerfer durch die Hochhausschluchten zuckten, die Polizeischweber, deren Suchscheinwerfer dern Boden abtasteten, sämtlich mit blinkenden und mehrfarbigen Positions- und Warnlichtern beleuchtet belebten die Verkehrswege über dem Pulsorband, auf dem scih Helix Richtung Süden bewegte. Gewaltige Flutlichtanlagen an der Unterseite der Gravity City beleuchteten den Plaza Park taghell mit künstlichem Sonnenlicht. Dieser Dom aus Licht überstrahlte sogar die Neonreklame der unmittelbaren Umgebung und erleichterte mithin die Orientierung in den Straßenschluchten deren größtenteils fensterlose Gebäudeflanken soviel Wiedererkennungswert besaßen wie das Videobild auf einem TriD-Monitor der auf einen toten Kanal eingestellt war**.

Ein paar Blocks weiter südlich verließ Helix das dahingleitende Pulsorband und wechselte in den Underground, wo er die Maglev-U-Bahn des MetroRail Systems in Richtung Sea Park Center betrat. Jeder der vier Wagen verfügte über sechs Sitzgruppen sowie Sitzreihen auf jeder Seite des Wagons. Am vorderen Ende befand sich eine WC-Zelle sowie Platz für sperrige Gegenstände, persönliche Roboter oder Kinderwagen, am hiteren Ende ein gepanzerter Spind mit Notfallausrüstung und ein Schaltschrank. Jeweils dazwischen befand sich beidseitig der Übergang zum nächsten Wagen. Einstiegstüren gab es auf jeder Seite zwei. Der Zug bewegte sich nahezu lautlos auf seinen Magnetschienen, lediglich das Rauschen der Klimaanlage und des Fahrtwindes war zu vernehmen, wenn er Zug schneller als mit etwa 100 km/h dahinglitt.

Für die dreiminütige Fahrt verzichtete Helix darauf sich auf einen der Grafittibesprühten Kunststoffsitze zu setzen. Der Kameraüberwachte Wagen war nicht wirklich leer. Abgesehen von zwei jungen Typen, die zu irgendeiner Gang gehörten, einer Glatzköpfigen Person gegenüber von Helix, zwei Prostituierten auf dem Weg zur Arbeit, einer alten Dame mit einer Katze auf dem Schoß befand sich nur noch ein Konzerner in aufwendigem Businessanzug in dem Zug.

Das Headset zeigt 27:14:04 h als der Zug langsam beschleunigt und in den Tunnel einfuhr. Der Skinhead gegenüber von Helix erhob sich und bewegte sich auf den jungen Konzerner zu. Seine Haltung verhieß bereits Ärger. Nur wenige Worte wurden gedämpft gesprochen und schon blickte der Zern auf ein summendes Vibromesser. Langsam bewegte der Skin das Vibro an den Hals des Opfers, wo es regungslos verharrte.

Helix konnte nicht hören was dort, nur fünf Meter von ihm entfernt gesprochen wurde und um genau zu sein kümmerte es ihn normalerweise nicht, wenn jemand in der Metro angegriffen wurde. Zu alltäglich waren diese Vorfälle, zu abgestumpft die Menschheit. In diesem Fall allerdings hatte er das Protostar Inc. Logo auf dem Aktenkoffer des Zerns bemerkt und das änderte für Helix so einiges. Zum einen Gefiel ihm sein Job bei Protostar ganz gut und zum anderen konnte es ihm später nützlich sein, wenn ihm der Zern einen Gefallen schuldete. Ihm war nicht bekannt, ob der Konzerner ihn kannte, aber die Chance war zudem gegeben und auf die Schwarze Liste des Konzerns wollte er nicht kommen. Ein Zern war zwar ein Zern, abe für den Konzern auch eine lohnende Investition die es zu schützen galt. Und genau das stand in seinem Vertrag.

Helix dreht sich kaum merklich so das er die Solo FX4000 Classic noch in ihrem Speedholster scharfmachen konnte so das der hochfrequente Aufladeton der Speicherbänke durch den schweren Ledermantel gedämpft und für den Skin aufgrund des Vibromessers unhörbar wurde.

Letzlich hatte Helix die schwere Laserpistole aus dem Holster und der leutend rote Punkt der Laserzielmarkierung auf dem Handrücken des Skins erregt dessen Aufmerksamkeit. Und während die schweren Zahnräder die den Gadankenmotor des Skins betrieben behäbig anliefen wanderte der Punkt ruhig und unbeirrbar auf den Hals des Messerstechers zu. Die Augen des Skins folgen der Bewegung, bis er plötzlich herum zuckte und mit seinen irren Augen auf Helix starrte.

„Was willst Du, Choomba?“ Seine Stimme klang eisig und hätte jeden normalen Menschen vor Angst das Blut in den Adern gefrieren lassen. Auf Helix hatte der wahnsinnige Unterton in der Stimme eher beruhigende Wirkung. Er war jetzt eiskalt und seine hyperaktive Wahrnehmung beschehrte ihm einen frostig klaren Eindruck der Situation.

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* Altara hat einen 31 Stunden Tag; 31 Uhr bzw. 0 Uhr sind identisch mit „Mitternacht“, 15:30 ist quasi „Mittag“. In der Praxis ist die Stunde zwischen 15:00 Uhr und 16 Uhr mit „Mittag“ bezeichnet.

** Eine Homage an William Gibsons berühmten Cyberpunk-Roman Neuromancer , der mit den Worten beginnt “The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel.” Ein großartiger SciFi Roman. Leseempfehlung.

Ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel „Helix aus Stahl“

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