Zollkontrolle

New Colonies Territory / U.S.C., 22:14:08h CST

Die Midnight Express, ein Trampfrachter der Pegasus Tycoon-Klasse, gleitet mit tosendem RIFT-Antrieb durch den interstellaren Raum des New Colonies Territory, kurz NCT. Die Brücke des Schiffes zeigt das heillose Durcheinander, das leere Einwegkaffebecher, tagealte Screamsheets, achtlos übereinanderliegende HoloVid-CD’s, einschlägige Hochglanzmagazine für einsame Nachtschichten und diverse

lose herumliegende Soundchips, deren grungeähnlicher musikalischer Inhalt in entnervend lautem Surround-Klang den Raumdurchflutet, bilden. In der Mitte der Brücke flegelt sich Melrose Caldwell in den Kommandosessel. Sein verwaschener Raumanzug zeigt Spuren von verschüttetem Kaffee und Hybrid-Kühlflüssigkeit, zerzauste Haare und ein mindestens drei Tage alter Bart tun dem Bild keinen Abbruch.

Der dunkelhäutige Altaraner kramt in einem Ablagefach der Kontrollkonsole herum und versucht gleichzeitig die Balance zu halten und seine Sitzposition nicht zu verändern. Diese etwas groteske Haltung ist es auch, die Corben Denver letztendlich den Lachanfall beschehrt, der ihn nun auf seinm Weg zum zweiten Sessel des Raumes begleitet.

„Halts Maul!“ knurrt Caldwell.

„Zum schießen, wie du deine Nachtwachen so verbringst, erinnert mich irgendwie an Vega 4, als Du mit sowas ganz mächtig auf die Schnautze gefallen bist!“ Corben grinst breit, „leider war damels den Piraten weniger danach zumute uns zum Lachen zu bringen.“

Er setzt sich auf den Sessel des Navigators und blickt aufmerksam auf die Anzeigen der Konsole. Nach einer Weile scheint er befriedigt und lehnt sich zurück. Auf dem Hauptmonitor über den vorderen Kontrollschirmen sind in majestätischer Pracht die grümlich blauen Ozeane von Poseidon zu sehen. Der zweite Planet um die Sonne Lambda Serpentis ist die Perle des NCT. Eine Wasserwelt so atemberaubend schön, das tausend Worte nicht reichen um nur annähernd zu beschreiben, was einem Reisenden im Anflug auf diese Welt durch den Kopf geht. Wolkenschwaden so fein wie die Pinselstriche eines meisterhaften Aquarells ziehen über den Planeten.

Der Griff nach rechts zum Kaffeeautonmaten ist ein flüssiger und oft wiederholter Bewegungsablauf. Der Becher mit dem Kaffee hätte ganz sicher den ihm zugedachten Platz auf der Armlehne des Sessels erreicht, doch ein plötzlicher Stoß erschütterte das Schiff bis in die tiefen seiner Statik.

Die Alarmsirenen ertönen von unsichtbaren Schallmembranen unter der Kunststoffverschalung der Seitenwände ausgehend und durchfluten den Raum mit ohrenbetäubendem Lärm. Die Brückenbeleuchtung schaltet um auf Rotlicht und aus den Klappen über den Sesseln fallen Raumanzughelme um den Anwesenden im Falle einer Dekompression noch genügend Atemluft zu Verfügung zu stellen. Auf dem Hauptrechener sind gleichzeitig speziell für diesen Zweck geschriebene Skripte damit beschäftigt unnötige Software aus dem Hauptspeicher zu werfen um jedes Quentchen an Prozessorleistung des neuronalvernetzten Computers für die bevorstehende Gefechtssituation bereitzustellen. Zahlreiche asynchrone Bioprozessoren erwachen zum leben und übernehmen Feedbackschleifen der Sensorik und der Schiffskomponenten. Die Grunge-Musik und die parallel dazu lärmenden Alarmsirenen verstummen. Die plötzlich eintretende Stille wird übertönt vom Heulen der Energieumformer im Heck des Schiffes. Die Abdeckungen der Raketenschächte und der Geschütze an der Außenseite des kleinen Schiffes gleiten zur Seite und geben den Blick frei auf das ansehnliche Arsenal, das dieses Schiff mit sich führt.

Corben und Melrose fegen mit schnellen Bewegungen sämtliche losen Gegenstände von den Konsolen und brühren mit hastigen Bewegungen zahlreiche Schalter, die letzten Endes dazu führen, daß der Trampfrachter insgesamt 76 Sekunden nach dem Stoß gefechtsklar ist und die ersten Feindkontakte im Monitor zu sehen sind.

Die rot eingeramten und vom Computer aufbereiteten Kamerabilder der vier gegnerischen Raumschiffe zeigen die bedrohliche Silouetten von Raumkampfjägern der Pachanga und der Werewolf-Klasse.

Die schwer bewaffneten Pachanga-Jäger der USC Navy hängen sich an das Heck der Midnight Express, während die schnellen und äußerst wendigen Aerospace-Jäger der Werewolf-Klasse mit dem Emblem der lokalen Orbitalstreitkräfte auf dem Rumpf das Schiff in die Zange nehmen.

„So heikel ist unsere Fracht doch gar nicht!“ brüllt Mel über das Getose der Energieumformer und des jaulenden Antriebes hinweg in Corbens Richtung.

„Vielleicht haben die Jungs von der Navy einen Tip bekommen, denn normalerweise ballern die nicht ohne vorherigen Funkkontakt drauf los.“ Erwiedert der blonde Ex-Pirat Corben lautstark.

„Oder unsere Fracht ist nicht das was sie sein sollte.“ Meint Melrose, doch Corben kann die letzen Worte dieses Satzes nicht mehr hören. Irgendwo hinten im Schiff explodiert irgendetwas, oder ist es nur der Prallschirm, der vom Laserfeuer der Raummarine überlastet ist und nun zusammenbricht?

„Was ist mit den anderen?“ brüllt Mel in den Raum hinein. Die Midnight Express schlingert leicht und die Atmosphäre von Poseidon nähert sich unaufhaltsam.

„Keine Ahnung. Wenigstens Age und Jay-T müsten so langsam mal in Schweiß kommen!“

„Wer hat mich grufen?“ schreit Age Copeland über den Lärm hinweg und hangelt sich, um sein Gleichgewicht ringend zum Sessel des Ingeneurs hinüber. Der blasse hochgewachsene Wissenschaftler hatte seine Karriere zwar nicht in einem Raumschiff begonnen, sondern in einem archaeologischen Laboratorium der Stiftung für Xenoforschung in Port Ceduna auf Altara, und nur seine Lernfähigkeit und die Notwendigkeit hatten ihn in den Sessel des Ingeneurs befördert, aber er ist seit langen der beste, den das Team für diesen Job hatte.

„Was ist mit Jay-T?“ brüllt Mel.

„Er hängt im Dorsal-Geschütz und gibt es den Pachanga’s. Und zwar reichlich!“ Age scheint sichtlich nervös, aber er liebt diesen Kitzel, mehr als der Rest des Teams. So ist es mit diesen Zivilisten. Sie geben alles für einen guten Kick. Und dieser Höllenritt ist ganz sicher ein Kick der seinesgleichen sucht.

Mel zieht die Midnight Express in eine Abwärtsrolle, um zwei herannahenden Raketen die Gelegenheit zu geben durch das Point Defense Feuer des Trampfrachters begrüßt zu werden. Lautlos explodieren die Raketen, als das vollautomatische Laserfeuer der drei Raketenabwehrgeschütze sie nacheinander ausschaltet.

Inzwischen zeigen auch die Bemühungen von Jay-T ihre Früchte. Der erste Pachanga jagt nur knapp unter dem Rumpf der Midnight Express vorbei dem Planeten entgegen. Die Glut des Antimateriefeuers aus dem Reaktor des Jägers zehrt, sich langsam von hinten über den Rumpf ausbreitend, das Metall auf. Kurz bevor die an Bord verbliebenen Raketen den schweren Jäger zerfetzen, katapultiert sich der Pilot mitsamt seinem Cockpit aus dem Raumfahrzeug heraus und verschwindet trudeltnd in der Umlaufbahn des Planeten.

„Ich denke wir haben ein Problem!“ verkündet Age plötzlich.

Gleichzeitig und fast mit identischem Gesichtausdruck sehen Corben und Melrose entgeistert zu Age hinüber. Gerade wollen sie unisono zum Sprechen ansetzen, als er weiter spricht.

„Wir schmieren ab! Reaktortreffer und zwar reichlich. Die andere Pachanga hat unseren Schild geknackt. Jungs, jetzt gibt’s Raumschrott!“ Er schließt sein Helmvisier.

Kaum zeigen die Anzugkontrollen grünes Licht, da bricht auch schon die Hölle los. Eine Kontrolleuchte nach der anderen springt von grün oder gelb auf rot um. Ein Monitor nach dem anderen fällt aus. Der Gefechtscomputer zeigt nur noch die Meldung `System going down for reboot´. Als ob das jetzt noch helfen würde…

Aus dem anfänglichen Lärm ist eine unwirkliche Stille geworden. In einem unmöglichen Eintrittswinkel stürzt die Midnight Express auf die Oberfläche des Wasserplaneten Poseidon zu. Bei etwa 97 Prozent Oberflächenwasser sind die Chancen recht bescheiden in der Nähe irgendeiner Insel auf den Ozean aufzuschlagen. Ganz zu schweigen davon, das die Sardinenbüchse der Melrose, Corben, Age und Jay-T ihr Leben anvertraut haben inzwischen mehr Löcher als ein Sieb aufweist und aller Wahrscheinlichkeit nach wie ein Stein in einem kilometertiefen Ozean versinken wird.

Links und rechts aus dem Cockpitfenster heraus kann man die beiden schwer beschädigten Werewolf-Jäger sehen, die den Kurs des Schiffes begleiten um möglichst exakte Kursdaten aufzuzeichnen, denn einen Wiedereintritt kann keines der drei verbliebenen gegnerischen Schiffe überstehen, zu gravierend waren die Schäden an der Schiffsstatik. Wenig später drehen die beiden Jäger ab und auch der nahezu unbeschädigte verbleibene Navy-Jäger der Pachanga-Klasse dreht ab um die beiden Werewolfes zur Basis zu geleiten.

Starke Vibrationen kündigen die äußeren Luftschichten an. Einige wenige Instrumente geben noch ein Feedback über die augenblickliche Lage, und die ist nicht so gut, das irgendjemandem auffällt, das dort ein Cursor auf einen Restart-Befehl wartet. Eine Timer zählt quälend langsam die zehn Sekunden herunter, die das Betriebssystem dem Anwender gibt, um noch eventuell notwendige Startparameter an den Kernel zu übergeben. Dann beginnt, weiterhin unbemerkt von den vier Freunden der Neustart-Prozeß des Systems. Erst als die Konsolen vor ihnen wieder Daten liefern erkennt Corben die Situation.

„Das System!“ schreit er in die Stille und beginnt wie Wild auf dem Brett herum zu tasten. Die manuelle Steuerung besitzt ein gekapseltes System das auf relativ unanfälligen und einfach gestrickten Verkabelungen basiert, die jetzt möglicherweise dazu verhelfen können die Flugbahn des Schiffes in eine von ihnen gewünschte Richtung zu steuern…

Ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel: USC Customs

Copyright 1991-2013: Mirco Adam

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