Verschwörung im Outback

Altair V, 27/06/2575AD, 0:25h

Es war schon weit nach Mitternacht, als die Midnight Express II auf dem Parramatta-Raumhafen von New Sydney auf Altair V aufsetzte und von der Automatik in eine Parkbucht gefahren wurde. Die Mannschaft war ziemlich abgespannt, denn hinter ihr lagen einundfünfzig Stunden nonstop Arbeit im Whakatane-Gürtel, wo es eine schwere Kollision zwischen einem Bergwerk-Asteroiten und der dortigen Eclipse-4 Raumstation gegeben hatte und einige hundert Menschen in Raumnot geraten waren.

Nur wenige Minuten nachdem die Meldung draußen war, war der leichte Raumfrachter schon im Orbit und wurde von der Mannschaft auf einen Kurs zum Asteroitengürtel programmiert. Mehr als 78 Minuten vor dem zweiten Schiff erreichte das Schiff die Unglück-stelle und man begann mit der Arbeit. Letzten Endes war es zum einen ein ungeschriebenes Gesetz der modernen Raumfahrt, havarierten Raumfahrzeugen und -stationen Hilfe zu leisten, und zum anderen waren die Aufwendungsent-schädigungen die die Versicherungen den helfenden Schiffen am Unglücksort zukommen ließen nicht unerheblich, zuzüglich natürlich zu der Prämie für das erste Schiff am Unglücksort Momentan waren die Mannschaftsmitglieder der Midnight Express II, Kjeltstig Yvan, Malor Shardan, Iman Shazar und Tarlon Rhaan, jedoch viel zu abgespannt um sich über die finanzielle Aufstockung des Schiffskontos zu freuen. Tarlon stand der Sinn mehr nach einem heißen Bad und einem warmen Bett, welches ihn zu Hause erwartete. Und auch Kjeldstig, Malor und Iman hatten nicht gerade einen aktionsgeladenen Morgen im Sinn, als sie sich daran machten, das Schiff zu verlassen.

Kaum waren die Systeme der Midnight Express II runtergefahren und das Security-Programm aktiviert, gingen sie alle ihres Weges, an dessen Ende ein bequemes Bett wartete. Tarlon und Kjeltstig bestiegen im Bahnterminal unter dem Raumhafengelände einen Untergrund-Schwebezug und fuhren in Richtung Zentrum. Drei Stationen hinter der Centennial Park Plaza stieg Tarlon aus und kehrte auf die Oberfläche zurück. Im glitzerden Licht der Leuchtreklame und der Straßenbeleuchtung wirkte die Stadt noch belebter als bei Tage, was man auch am Verkehr in der Luft und auch auf der Straßenebene erkennen konnte. An der Ecke Cahill Street und Rose Bay Road betrat er die Eingangshalle des Rose Bay Apartement Towers, in dem Tarlon ein luxuriöses Apartement bewohnte.

Er hatte kaum sein Bett vor Augen, als er auch schon auf der Bettdecke zusammensank und im nächsten Moment eingeschlief. Kjeltstig hingegen setzte die Fahrt fort und verließ den Zug in dem luxuriösen Vorort Rose Bay, wo er ein nicht minder luxuriöses Apartement besaß. Die Tatsache, daß der Apartement-Tower, in dem Tarlon ein Apartement bewohnte den gleichen Namen hatte wie der Luxusvorort in dem Kjeltstig wohnte, war etwas irreführend und rührte daher, daß beide Stadtgebiete an der Rose Bay lagen, einer weiten Bucht am New Port Jackson-Fjord. Der Vorort Rose Bay selbst jedoch begann, vom Stadtzentrum aus gesehen, erst einige Blocks hinter der Rose Bay Road. Auch Kjeltstig hatte keine weiteren Pläne, als sich sofort dem Schlaf anzuvertrauen, der ihn schon seit einigen Stunden beschlich. Iman und Malor erging es ebenso und so war die Besatzung der Midnight Express II weniger als eine halbe Stunde nach der Landung schon vom Nachtleben zurückgetreten.

*

High Melbourne Orbitalstation, 1:12h: Die Empfangshalle der Orbitalstation brodelte von geschäftiger Aktivität, es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen von und zu den Terminals. Etwas abseits dieser Aktivität stand eine unauffällig gekleideter Mann, die in ihren ComBoard las und dabei immer wieder kurze aber gestochen scharfe Blicke in die Halle warf, wobei er nicht einmal seinen Kopf bewegte. Für jede Lebensform im Raumhafen der Station sah er aus wie jemand, der auf seinen Flug wartete und sich die Zeit mit den neuesten Nachrichten vertrieb. Das er jedoch in Wirklichkeit eine ganz andere Absicht verfolgte, ahnte hier niemand, nicht einmal die Sicherheitskräfte.

Mit einem kurzen Blick auf die Uhr überzeugte sich General Brenn Karbin davon, das alles wie geplant ablief, die Uhr, welche er am oberen Bildrand seines ComBoards eingeblendet hatte sorgte dafür, das er nicht einmal aufschauen mußte oder seine Haltung ändern mußte. Eine speziell ausgebildete Arbeitsgruppe war in diesem Moment dabei die Sicherheitstür zum Navy-Kontrollzentrum hier auf der Basis zu öffnen und in den Hochsicherheitsbereich einzudringen. Ziel der Operation war es eine Holostore-Einheit aus dem Safe im Datenraum zu entwenden, die hochbrisantes Material in Bezug auf ein feindliches, interstellares Imperium enthielt. Die Tatsache allein, daß ein solches Imperium existieren konnte war brisant genug um USC-weit ein Panik auszulösen, wenn man das Material mit der entsprechrenden Psycho-Propaganda unterstützte. Dieses wiederum war ein ausgezeichnetes Druckmittel gegen die eingefahrene Politik der USC, die den Dogmen der Organisation vollkommen entgegengesetzt waren und damit ihre Macht einschränkte. Die entwendete Holostore-Einheit sollte zum geheimen Rat der Organisation nach Pharao 7 transferiert werden, der in der Organisation als der Graue Rat bekannt war.

„Sir? Wir sind durch, es ist alles ruhig. Gruppe A bewegt sich jetzt auf Position 18 vor, Gruppe C sichert nach hinten. Ich werde jetzt mit Gruppe B gemäß Plan A2 zu Punkt sieben vorrücken und die Tür zu Bereich D öffnen. Over.“ Bis jetzt lief alles plangemäß, doch der schwierigste Teil war der eben genannte Bereich D, in dem der größte Teil der Wachmann-schaften patuillierte. Wieder blickte sich der General um, seinem geschulten Blick entging nichts. Vorsichtig und sehr unauffällig schweifte der scharfe Blick durch die Emfangshalle, doch er konnte keine ungewöhnlichen Aktivitäten feststellen. „Meldung 2. Gruppe B ist jetzt durch Bereich D hindurch. Zwei Tote, beides Wachen. B4 ist leicht verletzt. Kommen jetzt zu Bereich E. B2 öffnet gerade Tür 1025. Zeit: minus vierzig Sekunden.“

Ein befriedigtes Lächeln glitt über die sonst gefühlslosen Gesichtszüge des Generals. In wenigen Sekunden würde der Holokristall mit den erhofften Daten sich in den Händen der Organisation befinden und endlich die erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen, die der Organisation zu USC-weiter Macht verhelfen würden und damit die Herrschaft der aktuellen Regierung beenden würde. „Meldung 3, Gruppe B meldet Vollzug! Drei weitere Tote, keine Verluste unsererseits. Noch kein Alarm. Alles ruhig, wir ziehen uns zurück. Zeit: minus zweiundsiebzig Sekunden.“

Weniger als zehn Minuten später war der Spuk vorbei. Eine chirurgisch genau durchgeführte terroristische Aktion des CLC war erfolgreich. Die CLC-Truppe war schon aus dem Orbit um Altair V, wo sich die Orbitalstation befand, heraus und hatte einen gewaltigen Vorsprung, als erst entdeckt wurde, was geschehen war. Sofort wurde eine Geheimkonferenz einberufen, um zu beraten, was nun geschehen sollte. Auch General Karbin verließ jetzt unauffällig seine position und ging zu den Abflug-Terminals hinüber, wo er eincheckte und kurze Zeit später den Luxusliner „Spinward Comet“ betrat.

Auf Grund eines Informations-Lecks, welches man innerhalb des CIS, des Confederated Intelligence Service (dem Konförderierten Geheimdiest) vermutete, kam man schließlich zu dem Schluß, zwei Gruppen privater Detektive zu beauftragen, die dem Diebstahl auf den Grund gehen sollten. Unabhängig voneinander sollten zwei Gruppen den Auftrag übernehmen und parallel bearbeiten, was jeweils von zwei verschiedenen hohen Offizieren des Geheimdiestes organisiert werden sollte, worüber Selbige zudem Stillschweigen zu bewahren hatten. Sollte über eine der privaten Agentengruppen irgendeine Information in falsche Hände gelangen, so konnte immer noch die Andere den Auftrag ausführen. Zudem hatte man dann den verantwortlichen Offizier im Inneren der Organisation, also das Leck.

28/06/2575, New Sydney, Altair V; 08:22h:
Irgendein seltsames Geräusch durchdrang die Tiefen meines Schlafes und zwang mein Bewußtsein an die Oberfläche. Bis ich heraus hatte, das der Störenfried das ComDeck war, vergingen einige Sekunden. Als jedoch die Information das Bewußtsein ereichte, traf meinen Metabolismus ein Adrenalinstoß der Extraklasse. Gegen ComNet-Anrufe zu dieser Zeit war ich ziemlich allergisch. Es mußte schon etwas wichtiges sein, sonst würde man nicht vor zehn Uhr anrufen.

Dazu jedoch war noch die Anmerkung notwendig, daß Altair V einen einunddreißig Stunden Tag hat, weshalb auch zehn bis elf Stunden auf die durchschnittliche Schlafperiode verfallen. Zudem ist es auf Altair V unüblich vor dreißig Uhr ins Bett zu gehen, so das die meißten Menschen nicht vor neun Uhr aufstanden. Die reguläre Arbeitszeit beginnt um zehn Uhr und dauert zehn Stunden mit einer einstündigen Mittagspause gegen fünfzehn Uhr. Schlaftrunken taumelte ich zum ComDeck hinüber und nahm das Gespräch entgegen, wobei ich nur mühsam ein herzhaftes Gähnen unterdrücken konnte.

„Hier ist CNA-0731-5558231, Rhaan. Ja bitte?“ meldete ich mich in der Hoffnung nicht zu genervt zu klingen. Auf dem Monitor erschien das Gesicht von Kjeltstig: „Ja, ich bin’s, Tarlon! Kann es sein, das dein Imager gestört ist? Ich bekomme keine visuelle šbertragung von Dir.“

Ich schaltete den Imager ein und antwortete: „Wie du siehst habe ich nicht viel an. Ich wollte nur verhindern, daß sich alte Damen erschrecken, die sich verwählt haben. Also? Warum weckst du mich mitten in der Nacht?“ „Hast du schon die Nachrichten gesehen?“

Selbige liefen gerade am unteren Bildrand. „Bin gerade dabei! Was meinst du? Die Aktion heute Morgen, als die Organisation wieder zugeschlagen hat?“

„Genau die. Heute Morgen bekam ich einen Anruf von Harry Bason, vom CIS. Selbiger Harry Bason der uns damals den Hajurima-Auftrag besorgte. Es ist ein Auftrag für ein gutes und kleines Team. Zudem kann ein gigantischer Profit dabei herausspringen.“

„Wie gigantisch?“ mein Interesse war geweckt. „Etwa acht Stellen vor dem Komma auf der Haben-Seite. Fünfzig Mega Gesammtgewinn, geteilt durch die Anzahl der Aktiven.“

„Wo ist der Haken? Der CIS verschenkt keine Fünf-Null, ohne das es zumindest schlechtes Wetter gibt. Ich schlage vor wir treffen uns am Strand. In einer Stunde. Bis dann!“

Nichts, aber auch gar nichts haßte ich mehr, als nach einem anstrengenden Auftrag, morgens in meiner wohlverdienten Ruhe gestört zu werden. Dementsprechend war natürlich auch meine Stimmung, als ich etwa fünfzig Minuten später meinen Cagram „Nightshade“ auf der Strandpromenade herunter brachte. Der Aero schwebte in Parkposition etwa dreißig Zentimeter über dem Beton der Straße und wurde von Fesselfeldern auf Position gehalten. Ich ließ die Glashaube über dem Cockpit hochfahren und öffnete die Schwingtüren. So lässig und stilvoll wie möglich und so auffällig wie nötig stieg ich aus dem Aero und sah mich am Strand um.

Meine Laune besserte sich sofort, als mir die erste leicht-bekleidete Strandschönheit über den Weg lief. Mit einem Lächeln quittierte ich ihren freundlichen Seitenblick. So konnte man es aushalten, das war ein Leben. Sekunden später entdeckte ich Kjeltstig unten am Wasser. Er schlenderte über den Strand und flirtete mit einer langbeinigen Brünetten im knappen Badeanzug.

Vorsichtig näherte ich mich den Beiden von hinten.

„Hallo, Kjeltstig! Wollten wir nicht etwas geschäftliches besprechen?“ rief ich aus einigen Metern Entfernung. Er drehte sich langsam um und blickte mir ruhig in die Augen, während er antwortete: „Und ich dachte wir wollten geschäftig etwas besprechen, was ich im Moment ja auch praktiziere.“

„Na dann übernimm dich mal nicht! Soll ich solange surfen gehen?“ erwiederte ich grinsend. Kjeltstig verabschiedete seine Begleitung und versprach sie zum Essen auszuführen bevor sich die Woche ihrem Ende zuneigte.

Mit einem strahlenden lächeln ging sie in Richtung Strandpromenade davon, während wir weiter den Strand entlangschlenderten.

„Also, Yvan. Worum geht es bei der Sache? Wie kommt es, daß der CIS Beträge in zweistelliger Millionenhöhe aussetzt um einen Auftrag zu erledigen? Was steckt dahinter?“

„Nun ja, zunächst einmal ist das Material um das es dabei geht so extrem Wichtig, daß es in den falschen Händen eine Katastrophe hervorrufen könnte. Sollten die sich auf dem gestohlenen Holostore befindlichen Informationen bekannt werden, würde das eine USC-weite Panik hervorrufen. Das Material ist so heiß, daß selbst wir, sollten wir es wiederbeschaffen, nicht hineinsehen dürfen.“ Er grinste mich von der Seite an.

„Und?“ fragte ich also, denn ich vermutete, daß er noch eine kleine Beigabe im Hinterkopf hatte. „Also wenn du mich fragst, dann handelt es sich bei dem Material um Informationen über die Morlorn. Wie gut also das niemand hier ahnt was wir wirklich wissen. Manchmal bin ich wirklich froh Bürger des Shan’dar Tenomn’sidh Haist (Vereinigte freie Welten von Haist) zu sein. Es gibt einem das Gefühl der Regierung immer einen Schritt voraus zu sein.“

Er hatte vollkommen recht. Egal um welches Thema es sich sonst handeln könnte, nichts währe brisant genug, eine USC-weite Panik zu erzeugen, es sei denn ein Phänomen, das es noch nie im Bereich der USC gegeben hat und so fremd ist, das es der menschliche Geist nicht zu greifen vermag, Aliens zum Beispiel. Und die Morlorn waren ganz schön alien.

„Also gut, nehmen wir also an es handelt sich um die Morlon, meinst du nicht, daß der CIS uns lieber nach dem Auftrag eliminieren würde, als uns auszuzahlen?“

„Also bis jetzt haben wir noch jeden davon überzeugt, das es besser ist uns auszuzahlen. Wir können ja mit irgendetwas großem drohen.“

„Kjeltstig! Hier geht es um die USC, es geht um den Geheimdienst und die Regierung. Mit denen kann man nicht einfach so umspringen, wie mit den anderen unwilligen Kunden, mit denen wir uns sonst so beschäftigen müssen.“ „Ex-Kunden!“ berichtigte er mich.

Er hatte recht. Unser Team war so gut aufeinander eingespielt, daß es für einen Kunden ziemlich gefährlich war, wenn er nicht zahlen wollte oder konnte. Selbst Tagashi Hajurima, ehemals Chef von Grand Technics Incorporated, dem größten Rüstungskonzern der USC, hatte es versucht. Er endete auf Stardoom, einem Gefängnis-planeten, da wir ihm etwas ungesetzliches nachweisen konnten, das ihm das Genick brach. „Gegen die Regierung etwas zu finden, das ihren höchsten Funktionären das politische Genick bricht wird nicht leicht sein, Kjeltstig. Wir müssen vorsichtig sein.“

„Sind wir das nicht immer, Tarlon? Im Notfall tauchen wir mit einem Cetadeanischen Schlachtschiff auf, das schindet Eindruck.“

Wir mußten lachen, bekleideten wir doch beide den Rang eines Captains in der Cetadeanischen Flotte. Die Möglichkeit uns nach Hause bringen zu lassen, und sei es nur um hier einige Leute einzuschüchtern, war uns gegeben, wenn unsere Gründe dafür einleuchtend waren. In der Flotte würde uns auch niemand daran hindern politische Verhandlungen auf diesem Schlachtschiff zu führen. Wir mußten die Führung der Cetadeanischen Flotte der Vereinigten Freien Welten von Haist nur davon überzeugen, daß auf diesem Weg bald diplomatische Kontakte zur USC aufgebaut werden konnten. Letztendlich war es dieses, was die Cetadeani vom Studium der USC erwarteten.

Aber nun genug der phantastischen Vorstellungen, wir hatten noch eine Menge Arbeit zu erledigen. „Also? Was werden wir tun, Tarl?“ Ich zuckte mit den Achseln. „Vielleicht sollten wir anfangen etwas gegen die Regierung in die Hände zu bekommen.“ Wir sahen uns an, begannen zu grinsen und drehten uns auf der Stelle um. Stilvoll steuerte ich den Aero, mit der rechten Hand an dem kurzen und soliden Steuerknüppel und der linken auf der Armlehne, die Strandpromenade entlang, wobei die Glashaube über dem Cockpit auf höchste Transparenz geschalted war. Es war ein berauschendes Gefühl so zu sehen und gesehen zu werden.

Die Mädchen wirkten noch reizvoller, wenn sie einem nachblickten. Am Ende der Strandpromenade beschrieb der Aero eine steile Aufwärtskurve und schwenkte über der City ein. Das Ziel war jetzt ein einsamer Vorort, in dem ein öffentliches Datenterminal (kurz Dataterm) stand, mit dem man über ein Neuralinterface-Kabel in das öffentliche Datennetz gelangen konnte (kurz Net genannt). Der Flug dauerte keine fünfzehn Minuten, wobei wir einen Umweg flogen, mit dem wir Verfolger entlarven und abschütteln konnten.

Glücklicherweise war alles in Ordnung. Ab jetzt konnten wir es uns nicht mehr erlauben, die Dinge zu ignorieren, die hinter unserem Rücken vor sich gingen. Irgendwo in New Bankstown hielten wir dann, um ein DataTerm zu benutzen. Eine Verbindung mit DataNet war schnell hergestellt, so das ich problemlos den Interfacestecker in eine der Neuralbuchsen hinter meinen Ohren einrasten lassen konnte.

Sofort veränderten sich sämtliche Eindrücke. Ein heller Blitz vor meinem geistigen Auge in Verbindung mit einem schrillen mentalen Kreischen kündigte den Transfer meines Bewußtseins in das Cybernetz an. Vor mir entstand ein endloser schwarzer Raum, durchzogen von einem Gitterwerk aus blau leuchtenden Höhenlinien. Sogenannte Icons schwebten über diesem Netz, befanden sich darauf oder darunter, entsprechend der relativen Position der Computer-systeme der Realwelt, die durch diese Icons dargestellt wurden.

Die virtuelle Realität durchflutete mich vollständig, gab mir Energien, die aufzubringen ich in der Realwelt nicht in der Lage war. Als Icon stellte ich selbst einen Roboter mit menschlichen Proportionen dar, gleich einem chromfarbenen Marine-Trooper. Die stilisierte Fusionskanone an meinem Rechten Arm stellte die offensiven Programme meines Cyberdecks dar, ein bläulicher Energieschild die defensiven Programme. Ich schwebte in die Höhe um mich zu orientiren. Vor und unter mir lag New Sydney in Form von unzähligen Datanodes beziehungsweise Icons. In allen Formen lagen sie da, die von Firmen meißt den entsprechenden Logos ähnlich, die privater Personen so phantasievoll wie nur irgend denkbar.

In der Ferne konnte ich die Centennial Park Plaza erkennen. Die Firmen-Icons von Torika Industries, Jenner Aeronautics, Rhaan Interstellar Corporation und anderen in der exakten Form der Verwaltungsgebäude mit ihren Logos in der Realität.

Das Wappen der USC schwebte über dem Governmentpark, gigantisch, dreidimensional und eindrucksvoll. Mit hoher Geschwindigkeit jagte ich darauf zu und landete an seinem Sockel. Ich aktivierte ein „Silent Intruder“-Programm, welches mir einen Weg durch die Datenmauer bereiten sollte. Zur Ablenkung aktivierte ich noch drei „Wallslammer“-Programme, die mit viel Lärm ein Eindringen auf der anderen Seite des USC-Icons vortäuschen sollten, um die Aufmerksamkeit der USC-Netzüberwachung vom eigentlichen Ort des Eindringens wegzulocken.

Der „Silent Intruder“ tat wie erwartet seine Arbeit rasch und leise. Nur Sekunden später war ich drin. Ein „Chamäleon“-Programm tarnte mich als internes Service-Programm. Als solches schlüpfte ich unerkannt an der Netzüberwachung vor bei und konnte selbst die berüchtigten „Bloodhound“-Killerprogramme täuschen (zumindest solange, bis mein „Fast Dragon“ sie eliminiert hatte und durch „Shaddow“-Programme ersetzt hatte, die für den Rechner den selben Index besaßen).

Letztlich stand ich vor der mächtigen Datenmauer der Zentral-einheit. Jetzt kam das nagelneue „Thor“-Programm zum Einsatz und zerschmetterte die virtuelle Wand. Zwei „Guardian“-Programme bewachten das Loch in der Datenmauer der Zentraleinheit, während ich einen weiteren „Intruder“ dazu benutzte die Datenmauer an anderer Stelle mit einem unsichtbaren Durchgang zu versehen und damit begann die Festkristalle und sämtliche anderen Speicher zu durchforsten. Alle Daten die mit unserem Auftraggeber zu tun hatten überspielte ich in den 1600 Gigabyte Festkristall meines Cyberdecks und verließ die Zentraleinheit wieder durch den neuen Ausgang, wobei ich gleichzeitig die beiden inzwischen hochaktiven „Guardian“-Programme desaktivierte und mit rasender Geschwindigkeit dem Punkt meines Eindringens entgegenraste. Knapp erreichte ich diesen dann auch. Er war verschlossen.

Wie ein Wasserfall überschwemten mich Fluten von Daten über die mich verfolgenden „Black Dragon“-Killerprogramme. Eine Scannerroutine gab mir gerade die Informationen darüber, das die äußere Datenmauer sich im Augenblick von hundertstel zu hundertstel Sekunde verstärkte. Schnellstes Handeln war jetzt gefordert. Mehrmals hieb ich mit dem „Thor“-Programm auf die Datenmauer ein, die allerdings viel zu langsam nachgab. Wohl oder übel mußte ich eine von diesen extrem schwer zu bekommenden und teuren „Final Inferno“-Programmbomben setzen und den „Datashield“ voll aufdrehen um nicht in meinem eigenen Inferno zu vergehen.

Noch während die gesammte Programmstruktur des Systems kollabierte und sich aufhängte kehrte mein Bewustsein schon wieder in die Realität zurück. Kaum konnte ich auch nur halb wieder reagieren, unterbrach ich die Verbindung mit dem Cybernetz und rief:

„Gib vollgas, alter Junge! Mach, daß wir hier wegkommen!“ Kjeltstig reagierte promt und wir waren längst in der Luft, als New Sydney Datawatch die Nachricht bekam, daß in den Regierungsrechner eingebrochen worden war. Natürlich waren in den Aufzeichnungen der Zentraleinheit keinerlei Informationen mehr über die Art der gestohlenen Daten gespeichert, da das gesammte System abgestürzt war. Jetzt begann der eigendliche Teil unseres Vorhabens: die Suche nach Belastendem Material. Dieser Teil war am zeitaufwendigsten, da unsere Rechner nicht in der Lage waren potenziell hochbrisantes Material zu erkennen und aus den entsprechenden Dateien zu extrahieren. Wir konnten uns also auf eine sehr lange Nacht gefaßt machen.

28/06/2575, New Sydeney, Government Plaza, 12:30h: Im Büro des Bezirksverwalters Nutareph trafen sich in diesem Moment die Sicherheitsexperten der Regierung und der Stadtverwaltung um über den folgenschweren Einbruch in den hochsicheren Regierungscomputer MAICNAICE zu debattieren . MAICNAICE oder „Make nice“ wie der Supercomputer intern genannt wurde war das modernste Computersystem auf dem gesammten Planeten und niemand konnte sich erklären, wie es zu dem Zwischenfall hatte kommen können, da alle relevanten Daten bei dem kompletten Systemabsturz verloren gingen. Während dieses Absturzes befanden sich noch sieben Netrunner im DataNet um den Zwischenfall zu bearbeiten. Ihr Bewustsein konnte nicht mehr rechtzeitig die Verbindung zum Netz lösen, was zur Folge hatte, daß sie im Netz gefangen waren. Ihre Körper lagen wie erstarrt vor den CyberDecks der Regierung und waren nicht mehr Lebensfähig. Falls also diese Netrunner nicht mehr in ihre Sterblichen Hüllen zurücktransferiert werden konnten, dann würde die Anklage gegen Unbekannt auf schweren Diebstahl und Mord lauten.

„Governeur! Könnte die Möglichkeit bestehen, daß dieser Überfall etwas mit dem Diebstahl auf High Melbourne zu tun hat?“ ergriff nun Bezirksverwaylter Nutareph das Wort. „Das immerhin liegt nahe! Vieleicht kann uns da Mr.Bason weiterhelfen?“

Harry Bason, Chef des Confederated Intelligence Service (CIS) erhob sich und wandte sich an die Anwesenden. „Nun, meine Herren, darf ich ihre Aufmerksamkeit auf den Wandschirm lenken?“ Dort erschien in diesem Moment ein Bild des DataNets mit dem Regierungs-Icon im Vordergrund. „Dieses sind die Aufzeichnungen der NetWatch-Sonde Delta7, die sich zu diesem Zeitpunkt geraden in der Nähe aufhielt. Sehen sie sich bitte die Aufnahmen genau an!“

Auf dem Schirm erschien die Anflugsequenz der Sonde, wobei diese dicht am Regierungs-Icon vorbeiflog und dieses in seiner gesamten Größe zeigte, die chromfarbenen Außenwände vermittelten einen Eindruck von unbezwingbarer Stärke. Die Sonde entfernte sich langsam und urplötzlich entstanden Risse am Icon, die sich mit erschreckender Geschwindigkeit vergrößerten und das mächtige Konstrukt von einem Moment auf den anderen zerbrechlich aussehen ließen.

Sekunden später explodierte der Horizont im DataNet und tauchte den Bildschirm in das bläulich weiße Licht eines gigantischen Blitzes. Als die Helligkeit verschwunden war existierte das USC-Icon nicht mehr. An seiner Stelle war einfach gähnende Leere, als ob dort niemals ein Konstrukt von mehreren Netzwerk-Kilometern Ausmaß gestanden hätte. Im Konferenzsaal breitete sich betretendes Schweigen aus und für Sekunden war es Totenstill. Niemand sprach ein Wort.

„Beachten sie nun bitte diese stark verlangsamte Sequenz!“ sprach nun Harry Bason wieder und deutete dem Assistenten an, die entsprechende Sequenz einzuspielen. Die Sequenz begann kurz bevor die Risse im Icon erschienen. Für einen Augenblick war am äußersten linken Rand eine blitzschnelle Erscheinug sichtbar geworden. Bei weiterer Vergrößereung und langsamerer Abspielgeschwindigkeit konnte man nun die undeutlichen Umrisse einer humanoiden Gestalt erkennen, die direkt aus der Wand des Icons zu kommen schien und mit relativistischer Geschwindigkeit in der Ferne verschwand.

„Leider sind die Aufzeichnungen selbst mit modernster Computeraufbereitung nicht genauer hinzubekommen. Alles was wir bis Dato wissen ist, das der Eindringling über eine herausragende Hardware verfügt, was den Täterkreis um einiges einschränken dürfte.“ Bason machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort:“ Es existiert jedoch noch eine weitere Möglichkeit die wir in Betracht ziehen sollten. Es könnte eine AI gewesen sein, eine Künstliche Intelligenz wie zum Beispiel MOTHER von TI, oder SCIES von Cambourne Enterprises. AI’s sind bekannt dafür, daß sie solche Dinge in so kurzer Zeit erledigen können, auch wenn man eine gewisse Gewitztheit bei dem Eindringling bemerken kann, da er Net-Watch regelrecht an der Nase herumgeführt hat. Wie dem auch sei. Der Eindringling wußte, was er tat und er verwischte seine Spuren lückenlos, wenn auch nicht auf die feine englische Art. Wir wissen lediglich, was für Daten in naher Zukunft auf keinen Fall in der Öffentlichkeit erscheinen dürften, wollte der Eindringling im Verborgenen bleiben.“

Bason setzte sich und wartete bis sich das unterschwellige Gemurmel im Auditorium etwas gelegt hatte. Dabei lehnte er sich ruhig in seinem Konturensessel zurück und nahm einen Schluck Kaffee zu sich. Der nächste Sprecher war der Polizeichef und Sicherheitsexperte der Regierung, Phillip Dexter. Der stattliche Mittfünfziger erhob sich langsam und ließ seinen Blick die Runde schweifen. Achtundzwanzig Augenpaare folgten seinem Blick. Dexter mochte zwar nicht mehr der Jüngste und auch nicht mehr der Sportlichste sein, aber jeder in diesem Raum zollte ihm einen Respekt, der seinesgleichen suchte. Seine stahlblauen Augen durchbohrten auch das beste Selbstbewußtsein und seine Stimme, sehr tief und eindringlich, erhaschte die Aufmerksamkeit eines Jeden in seiner Nähe.

„Meine Damen, meine Herren! Sie können sicherlich jetzt vorschlagen eine spezielle Untersuchungs-Kommission zu bilden um den Fall zu untersuchen. Ich aber sage ihnen jetzt mit Nachdruck, daß dieses ein Ergebnis der ständigen Versuche ist, alle Unter-nehmungen der Regierung verwaltungstechnisch und organisatorisch zu zentralisieren. Seit jahren habe ich es ihnen vorgehalten, jetzt sehen sie das Ergebnis der angeblichen Weitsichtigkeit der Regierung. Ich für meinen Teil halte es für das Beste,…

Ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel: „Verschörung in den Randwelten“

Copyright 1991-2013: Mirco Adam

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .

Zur Werkzeugleiste springen